Verena Dengler
Verena Dengler, Die Galeristin und der schöne Antikapitalist auf der Gothic G’stettn (Corona Srezessionsession Dengvid-20 🙂), Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Apollonia T. Bitzan

Verena Dengler

Die Galeristin und der schöne Antikapitalist auf der Gothic G’stettn (Corona Srezessionsession Dengvid-20 🙂)

3. Juli – 6. September 2020

Im Wiener Kunstgeschmack hat sich ein gewaltiger Umschwung vollzogen: Die Salons unserer Geldprotzen werden nicht mehr von Herrn Sandor Jaray, sondern von Olbrich oder Hofmann eingerichtet; und statt der jüngsten Ninetta des Herrn Blaas oder der ältesten Invaliden von Friedländer hängen dort die neuesten Schöpfungen von Klimt und Engelhardt. Was bedeutet das? Nun, jene Herren, die heute reich und morgen vielleicht schon arm sind, sehen eben, wenn sie einen Theil ihres Vermögens in Kunstwerten placieren, stets darauf, möglichst marktgängige Ware zu kaufen. Und auf dem Wiener Kunstmarkt sind ja in den letzten Jahren viele Valeurs zu Nonvaleurs geworden; die Speculation begünstigt neue Werte, und der geänderten Richtung hat sich, nach längerem Widerstreben, auch die conservative Publicistik gefügt: Der Kunsteconomist der ‚Neuen Freien Presse‘ ist mit der modernen Kunst »in der Lieb«. Aber auch der Schauplatz des Kunsthandels hat gewechselt; die Säle des Künstlerhauses sind verödet, und die schwatzende Menge drängt sich in der Halle des Kunsttempelchens der Secession. Dass etwa ein kräftiger Arm die Händler aus diesem Tempel jage, ist nicht zu befürchten.
Aus: Die Fackel, 1. Jahrgang, Heft 29, 1900, S. 16

 

Verena Denglers Werk ist anspielungsreich, pointiert und mitunter provokativ. Die aufmerksame Beobachtung der Kunstwelt, ihrer Mechanismen und historisch gewachsenen Bedingungen sowie die eigenen Verflechtungen darin sind häufig Thema ihrer Installationen, Objekte, Bilder, Zeichnungen, Texte, Videos (und vieles mehr) und reflektieren sie kritisch, bisweilen humorvoll-satirisch.

Im Ausstellungsraum der Secession lässt die Künstlerin eine „Landschaft“ aus einem Teich und einer ihn umgebenden, wildwuchernden Brachfläche oder „Gstettn“, in der die BesucherInnen auf weitere Werke und Elemente treffen, entstehen. Die Gründungszeit der Secession mit ihren blumenreich dekorierten Verkaufsausstellungen war für die Künstlerin ebenso ein Bezugspunkt bei der Konzeption der Ausstellung, die sie im Dialog mit der Religionshistorikerin Barbara Urbanic entwickelte, wie ihre Auseinandersetzung mit dem „allgegenwärtigen Erbe der Romantik“ (Urbanic). Ihr zugeschriebene Eigenschaften wie die Betonung der Individualität und des Gefühls, die Suche nach dem Erhabenen und gleichzeitig ihre „dunkle Seite“ in Form von Melancholie, Gesellschaftskritik und Kulturpessimismus durchziehen bis heute als mehr oder weniger deutlich sichtbares Substrat subkulturelle Jugendbewegungen und Gegenkulturen, zeitgenössische populäre wie klassische Musik u.v.m. Die Ideale der Romantik und ihre Folgen wirken sich bis heute auf gesellschaftliche und politische Bereiche aus, auf die Gestaltungsmöglichkeiten durch soziale Netzwerke, die Entwicklung von flexiblen Arbeitsverhältnissen – KünstlerInnen bestens vertraut – und auf damit zusammenhängende Phänomene der Selbstoptimierung. In den Arbeiten der Ausstellung zeigt sich das Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen hegemonialen und unterdrückten, aber auch subversiven Kräften, die an herrschenden Verhältnissen rütteln.

Der deskriptive Titel umreißt das thematische Feld der Ausstellung: „Die Galeristin und der schöne Antikapitalist“ verweist auf ein literarisches Projekt der Künstlerin, das in der Kunstwelt angesiedelt ist und sich stilistisch auf die Gattung des „Schund- oder Groschenromans“ bezieht. Via Skype hat sie es mit der deutschen Theater- und Filmschauspielerin Astrid Meyerfeldt und dem Künstler Leon Kahane auszugsweise „verfilmt“ und auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht. Mechanismen des Kunst-betriebs und des Kunstmarktes sowie Selbstinszenierung und Vermarktung (auf Social-Media-Kanälen) werden darin äußerst humorvoll abgehandelt.

Der Teich zitiert die Form des Badeteichs Hirschstetten, eines Naherholungsgebiets in einem der äußeren Wohnbezirke von Wien, in dem auch die Künstlerin lebt, und greift die hierarchisch geprägten Verhältnisse zwischen Peripherie und Zentrum, zwischen Natur- und Kulturlandschaft auf – Themen, die auch im Topos der „Gstettn“ bedeutsam sind. In der speziellen Interpretation als „Gothic-Gstettn“ verbindet sich das Bild der städtischen Brachfläche mit aus der Romantik bekannten geheimnisvoll-mystischen Landschaftsdarstellungen und der Vorstellung von der Ursprünglichkeit der Natur zu einem Sinnbild für anarchische Gegenkultur. Die verwilderte und von jeder ursprünglichen Vegetation verlassene „Gstettn“ ist bei Dengler durchaus politisch aufgeladen, nicht zuletzt durch ihre Bezugnahme auf das Buch Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, in dem die Autoren Maderthaner und Musner das elitär geprägte Bild dieser Zeit durch die Dokumentation subkultureller und politischer Arbeiterbewegungen des Stadtrandes umfassend erweitert haben.

Die Bronzeskulptur stellt eine Frau dar, die in der einen Hand einen Blumenstrauß und in der anderen ein iPhone hält – sogar das zerbrochene Display ist erkennbar – und damit den Strauß fotografiert. Es ist die charakteristische Pose, in der Barbara Urbanic, die für die Skulptur Modell stand und die, wie sie selbst schreibt, „Hobbyblumengärtnerin mit Gestaltungsdrang & revolutionärem Eifer“ ist, die Blumenfotos für ihren Instagram-Account @stadtblume_wien erstellt. Der Flügel in der Ausstellung repräsentiert Qualität, Traditionsbewusstsein und kulturelle Werte und ist gleichzeitig ein Indiz für die Herausforderungen eines globalen Marktes: Das „Modell Secession“ ist das erste Sammlerstück aus der neuen Architecture Series von Bösendorfer und greift charakteristische Elemente des Gebäudes auf, allen voran das Blattwerk der Kuppel.

Mithilfe eines modularen Wandsystems inszeniert Dengler in der Ausstellung Messestände und Kojen – deutlicher kann man auf die Kommerzialisierung der Kunst und ihren Warenstatus kaum verweisen. Auf der rechten Seite findet sich der Messestand H88 der Galerie Meyerheim mit etablierter Blue-Chip-Kunst, während die Galerie auf der gegenüberliegenden Seite am Stand A666 als galerie.meyerheim projects_ mit junger, hipper Kunst vertreten ist. Dazwischen finden sich mit Vorhängen verhüllte Abstellräume, wo mitgebrachte, aber nicht ausgestellte Kunst gelagert wird. Der Galeriename „Meyerheim“ ist dem „Meyerheim-Gedicht“ von Theodor Fontane entliehen und eine antisemitische Chiffre für einen jüdischen Kapitalisten.

Die mit Dengvid-20 im Titel enthaltene Anspielung auf Covid-19 schließlich verortet die Ausstellung in einer Zeit, die von Maßnahmen zur Eindämmung einer globalen Pandemie gezeichnet ist. Denglers Kritik an künstlerischen Rahmenbedingungen und der prekären Lebenssituation vieler KünstlerInnen wurde durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise, die vor allem Freischaffende unmittelbar und hart betrifft, bestätigt. In Srezession versteckt sich zudem das Schreckgespenst der Rezession, die vielfältige Auslöser wie etwa eine Pandemie haben kann.

Denglers künstlerische Arbeit baut über die Jahre zunehmend auf Netzwerken und kollaborativen Strukturen auf, und so ist diese Ausstellung das Ergebnis vielfältiger Zusammenarbeiten, unter anderem mit Barbara Urbanic; Itai Margula (Ausstellungsarchitektur); Astrid Meyerfeld, Leon Kahane, Marlene Engel („Kunstwelt-Groschenroman“); Katarina Schildgen (Publikation); der Band gebenedeit (Lydia Haider, Josua Oberlerchner, Johannes Oberhuber) und Steffanie Ergen (Live Acts bei der Eröffnung), MOB Industries (Verkaufsperformance bei der Eröffnung) u.v.m.

Als Erweiterung der Ausstellung erscheint eine Künstlerpublikation im Magazinformat mit Textbeiträgen von Barbara Urbanic, Diedrich Diederichsen, Anna Gien und Leon Kahane sowie ausgedehnten Bildstrecken.

Verena Dengler, geboren 1981 in Wien, lebt und arbeitet in Wien.