Nora Turato
Nora Turato, ri-mEm-buhr THuh mUHn-ee, Ausstellungsansicht Secession 2021, Foto: Oliver Ottenschläger

Nora Turato

ri-mEm-buhr THuh mUHn-ee

20. November 2021 – 23. Januar 2022

Nora Turato ist für ihr Talent bekannt, die textlichen Eigenheiten des Internets und der neuen Medien in ihrer Kunst zu verdichten. Dabei lässt sie aus Büchern, Werbung, sozialen Medien und Alltagsunterhaltungen angeeignete Sprache in klangvolle Performanceskripte und visuelle Arbeiten – von Wandmalereien über Videos bis hin zu Künstlerbüchern und Postern – einfließen.

Ihre Performances trägt sie mit einer scheinbar impulsiven und ungeplanten Dringlichkeit vor, die über die aufwändigen Forschungs- und Probenarbeiten hinwegtäuschen können, die ihnen jeweils zugrunde liegen. Zurzeit produziert sie zwei Performances von je etwa 20 Minuten Dauer pro Jahr, was es ihr erlaubt, aktuelle Trends, Redewendungen und sprachliche Muster, die sich in den Medien ausbreiten, aufzunehmen und die kulturellen und politischen Themen der Gegenwart aufzugreifen. Ihre Stimme, die sich durch großen Umfang und Flexibilität auszeichnet, setzt sie mit vielfältig wechselnden Tonlagen und Satzmelodien, Intensitäten und emotionalen Ausdrucksqualitäten ein, um bewegende theatralische Wirkungen zu erzielen.

Turatos unverkennbar durch ihre Ausbildung als Grafikdesignerin geprägte bildende Kunst zieht mit plakativen typografischen Bildlösungen den Blick auf sich, in denen die Botschaften ihrer Sprechperformances und die Bildsprache heutiger Werbeslogans anklingen. So kann sie Formate vom kleinen, aber gehaltvollen Künstlerbuch bis zur werbetafelgroßen Wandarbeit bespielen, ohne Zugeständnisse bei der künstlerischen Qualität oder dem Nuancenreichtum ihrer Arbeiten zu machen.

Obwohl ihr Werk und seine gewandte Auseinandersetzung mit heutiger Kultur unter vielen verschiedenen Gesichtspunkten analysiert und gedeutet werden können, ziehen oft vor allem Turatos Bühnenpräsenz – als Frau, deren Verhalten unvorhersehbar ist—und ihre abwechselnd donnernde, heulende und quiekende Stimme die Aufmerksamkeit der Kritik auf sich. So wird überdeutlich, dass allen Illusionen zum Trotz das Recht der Frau auf freie Rede selbst in angeblich fortschrittlichen Gesellschaften höchst umstritten bleibt.

Für ihre Ausstellung in der Secession hat Turato eine neue Klanginstallation geschaffen, die auf ihren Untersuchungen zur Politik von Akzenten und den westlichen Medien beruht. Mit der Arbeit erschließt die Künstlerin sich ein neues Feld: ihre eigene Subjektivität und ihre Kindheit im Schatten der Sowjetära, in der die Menschen begierig westliche Medien konsumierten, aber Phonetik, Nuancen und Bedeutungen oft in der Übersetzung verlorengingen. In der Audioarbeit ist Turato zu hören, wie sie die Klänge westlicher Sprachformen nachahmt und wie besessen versucht, den richtigen Tonfall und die Artikulation zahlreicher Akzenttypen des Englischen zu treffen.

ri-mEm-buhr THuh mUHn-ee lässt sich als klangliche Studie des wachsenden stimmlichen Arsenals der Künstlerin auffassen. In ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit dem gesprochenen Wort hat Turato eine Art inneres Archiv aufgebaut – ein Repertoire von Akzenten, Dialekten und Idiolekten, die sie in einer Séance der Stimmen mit verblüffender Gewandtheit einander abwechseln und ineinander widerklingen lässt.

Nora Turato, geboren 1991 in Zagreb, lebt und arbeitet in Amsterdam.