Lawrence Abu Hamdan, Once Removed, 2019, Videostill, Courtesy the artist

Lawrence Abu Hamdan

20. November 2020 – 31. Januar 2021

Ausgangspunkt von Lawrence Abu Hamdans künstlerisch-akustischen Recherchen sind die politischen Dimensionen von Sprache und Klang und die Verletzlichkeit der menschlichen Stimme. In den vergangenen zehn Jahren hat der Künstler mit dem Aural Contract Audio Archive ein umfangreiches Archiv von Geräuschen und Gegenständen zusammengetragen, mit verschiedenen Menschenrechtsorganisationen zusammengearbeitet, an klassischen Ausstellungsformaten mitgewirkt und sich in performativen Vorträgen geäußert. In Anlehnung an die umgangssprachliche Bezeichnung von Privatdetektiven als „private eye“ ließe sich Abu Hamdan als „private ear“ – als Klangdetektiv – oder „forensischer Zuhörer“ beschreiben; letzteres verweist zudem auf seine Zusammenarbeit mit dem Institut Forensic Architecture, das seit 2010 am Goldsmiths College der University of London angesiedelt ist. Die Künstler*innen, Architekt*innen und Wissenschaftler*innen dieser Gruppe haben bereits eine Reihe von Untersuchungen zu Gewalttaten, Menschenrechtsverletzungen und den vielfältigen Folgen systemischer Ungerechtigkeit durchgeführt.

Abu Hamdans Klang- und Videoinstallationen hüllen seine Auseinandersetzung mit Militärschlägen, Grenzen und Gefängnissen im Nahen Osten in eine konzeptuelle, technisch motivierte Ästhetik. Einige seiner Arbeiten entlarven die fehlerhafte linguistische Forensik, mit der in Europa die Ursprungsländer von Asylsuchenden bestimmt werden sollen. Sein Werk drängt auf eine institutionalisierte Menschenrechtspolitik, die bislang zum Schweigen verdammten Stimmen politisch und ästhetisch Gehör verschafft. Indem er sicht- und hörbar macht, was marginalisiert und zum Verstummen gebracht wurde, trägt er zu einer gegen die vorherrschenden Diskurse gerichteten Wissensproduktion bei, die die materiellen und politischen Aspekte von Sprache in den Blick nimmt. Auf diese Weise kommen die Betroffenen selbst zu Wort, wo sonst für sie gesprochen wird.

Lawrence Abu Hamdan wurde 2019 zusammen mit den drei anderen Nominierten mit dem Turner-Preis ausgezeichnet.

(Text: Christoph Chwatal)

Lawrence Abu Hamdan, geboren 1985 in Amman, Jordanien, lebt in Beirut, Libanon.