František Lesák
František Lesák, Vermutung und Wirklichkeit, 2021, Ausstellungsansicht Secession 2021, Foto: Iris Ranzinger

František Lesák

Vermutung und Wirklichkeit

2. Juli – 5. September 2021

Der konzeptuelle Zeichner und Bildhauer František Lesák widmet sich in seinem Werk dem Beschreiben und Begreifen der Gegenständlichkeit und den damit zusammenhängenden Fragen der Wahrnehmung. Das Schaffen räumlicher Bezugssysteme, das Ausloten wechselnder Perspektiven, das Vermessen und Kartographieren ausgewählter Szenerien und das Spiel mit sich verändernden Maßstäben bilden das Kerninstrumentarium seiner künstlerischen Tätigkeit. In einer Art Grundlagenforschung untersucht er in systematisch angelegten Werkzyklen die Dinge und ihr Verhältnis zum realen und medialen Raum.

Lesáks Ausstellung in der Secession umfasst verschiedene Werkgruppen, die vorwiegend in den letzten Jahren entstanden sind, bislang nicht oder kaum gezeigt wurden und Einblicke in die Gegenwärtigkeit und Kontinuitäten seines Oeuvres geben.

In seinem neuen, titelgebenden Zyklus Vermutung und Wirklichkeit (2020) erforscht Lesák das komplexe Zusammenspiel zwischen taktiler und visueller Wahrnehmung ebenso wie das Zeichnen als eine körperliche und geistige Praxis der Notation von Wirklichkeit. In 18 Bildpaaren bringt er verschiedene Haltungen seiner linken Hand auf jeweils zwei Weisen zu Papier, indem er einer strengen Versuchsanordnung folgt. Die Blätter auf der linken Seite wirken offener und ungelenker. Sie sind das Ergebnis eines Experiments, für das der Künstler die zu zeichnende Hand jedes Mal mit anders verschränkten Fingern verdeckt unter dem Tisch hält, so dass sie der kontrollierenden Instanz seines Sehsinns entzogen ist. Die Vorstellung der Fingeranordnungen, die er ausschließlich anhand seiner taktilen Empfindungen aufzuzeichnen versucht, ist – so stellt es sich für den Künstler heraus – eine nur unzuverlässige Vermutung, die sich in der Mehrzahl der Fälle nicht mit dem wahren Sachverhalt deckt. Obwohl es die eigene Hand ist, die durch Selbstbetastung erkundet wird, erschwert das Zurückgeworfensein allein auf den Tastsinn die Aufzeichnung der Hand in ihrer kohärenten Form. Der tastende Strich und das Fragmentarische der Form dokumentieren diese grundlegende Schwierigkeit. Für die zugeordneten Zeichnungen auf der rechten Seite hingegen hat der Künstler die Hand in denselben Stellungen sichtbar vor sich gehalten. Die hier zu beobachtende Leichtigkeit im Erfassen der Form und die zielsichere Abstraktion der Volumina als geometrische Körper verraten den geübten Zeichner. Im Vergleich beider Darstellungen wird deutlich, wie stark der unterschiedliche Zugang jeweils ein anderes Erleben und Wissen aktiviert.

Das Motiv der Hände als Werkzeug und Mittel gestischen Ausdrucks findet sich auch in der Fotoserie Begründung eines Meters (1972) und Studien zu Bonjour Monsieur Courbet (1986–2020), die im selben Raum präsentiert werden. Das umfangreiche Projekt Bonjour Monsieur Courbet ist eine Aneignung des Gemäldes La Rencontre von Gustave Courbet, das die Begegnung zwischen dem Maler Courbet, seinem Mäzen Alfred Bruyas, dessen Diener Calas und dem Hund Breton wiedergibt. Lesák hat die Figurengruppe szenisch rekonstruiert und sich mitunter selbst als zusätzliche Person integriert. In der Secession zeigt er nun erstmals jene Fotografien und Zeichnungen, die während seiner Arbeit daran entstanden sind. Der eigene Körper diente ihm als Modell, um verschiedene Bewegungschoreografien, mit denen er sich in das Bezugssystem der Begrüßungsszene einschreibt, durchzuspielen und die Haltungen bis ins Detail zu erfassen.

Die Vielansichtigkeit ist eines der zentralen Themen Lesáks. Es bestimmt den zweiten Teil der Ausstellung. Im Bestreben, alle Dimensionen eines Gegenstandes sowie das Zusammenspiel von Oberfläche, Form und Volumen zu erfassen, widmet er sich Vorbildern aus der Kunstgeschichte ebenso wie der Darstellung von Naturmotiven. In den Serien Äquivalente (2020) und Waldlandschaften (2014) werden Findlinge aus Granit beschrieben. Die Steinformationen sind typisch für das nördliche Waldviertel, in dem Lesák seit einigen Jahren lebt. Ihre verschiedenen, sich ergänzenden Teilansichten umfassen stets die Rekonstruktion der abgekehrten, dem Auge verborgenen Partien. Die erhabenen Ziffern verweisen einerseits auf das Bezugssystem, dass der Künstler zur Vermessung der Objekte und ihrer räumlichen Lage etabliert hat, andererseits stehen sie für die Nummerierung der Objekte innerhalb eines größeren Modellbaukastens, mit dem sich unterschiedliche Formationen herstellen lassen. Die Serien Hermes (2012) und Hermes mit Licht punktiert (2003) wiederum stellen die 1877 im Heratempel in Olympia gefundene Skulptur des antiken Bildhauers Praxiteles, die als Gipsabguss in zahlreichen Sammlungen von Kunsthochschulen zu finden ist, ins Zentrum.

Charakteristisch für Lesáks Werke ist, dass sie mit großer wissenschaftlicher Präzision durchgeführt werden, aber gleichzeitig immer auch die Beschränkung der eigenen Wahrnehmung und somit die Ambivalenz der Genauigkeit veranschaulichen. Indem der Künstler das Zusammenspiel zwischen dem Erfassen der Welt und ihrer Beschreibung derart konsequent auslotet, verweist er letztlich auf die dahinterstehende Frage nach dem Wesen der Wirklichkeit.

František Lesák, 1943 in Prag geboren, lebt und arbeitet in Wien und Neu-Nagelberg in Niederösterreich.