Emily Wardill
Emily Wardill, Night for Day, 2020, Still

Emily Wardill

Night for Day

18. September – 8. November 2020

Emily Wardill untersucht in ihren Filmen, Fotografien und Objekten die Komplexität von Wahrnehmung und Kommunikation, die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Realität und die Verschiebungen von Inhalt und Form durch die individuelle Natur der Vorstellungskraft. Ihre Werke sind bekannt für ihre sinnlichen, psychologisch aufgeladenen und zugleich gebrochenen Erzählungen. Die Filme, die sie seit Mitte der Nullerjahre dreht, sind zwar meistens durch einen narrativen Rahmen definiert, die Geschichten selbst treten jedoch eher in den Hintergrund. Stattdessen rücken andere Aspekte in den Fokus: die Mechanik des Erzählens, Sprache als plastisches Medium und das Wechselspiel von Geste und Wort.

In der Secession zeigt Emily Wardill erstmals ihr neustes Filmprojekt Night for Day (2020), eine Installation, für die sie den Film und eine Reihe von Skulpturen miteinander verwebt, sowie den Film I gave my love a cherry that had no stone (2016).

Für Night for Day (2020) konstruiert Wardill eine vorgetäuschte Beziehung zwischen einer Mutter und einem Sohn. Als Ausgangsmaterial dienen ihr dabei ausführliche Interviews mit Isabel do Carmo, einer revolutionären Widerstandskämpferin zur Zeit des portugiesischen Faschismus vor 1974, und zwei jungen Männern, Alexander Bridi und Djelal Osman, die als Astrophysiker ein Startup in Lissabon betreiben, in dem sie versuchen, Computer so zu programmieren, dass sie bewegte Bilder erkennen. Wardill nutzt dies, um, wie sie selbst sagt, „darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn eine kommunistische Revolutionärin einen Techno-Utopisten zur Welt bringt, wenn man Geschlecht als Performitivität aus der Perspektive von Frauen denken würde, die in Portugal die politische Entscheidung getroffen haben, für einen größeren Teil des 20. Jahrhunderts versteckt zu leben, und wenn die „letzte Frau“ der weibliche Bot aus Hoffmanns Erzählungen wäre.“

Wie lassen sich Utopien im Spannungsfeld von Moderne, Nostalgie und Technologie fassen? Wie drücken sich Ideologien bewusst oder unbewusst im Leben von Menschen aus? Was kennzeichnet die Performance von Frauen im Zusammenspiel von Stellung, Person und Körper? Während sich diese Fragestellungen wie ein roter Faden durch den Film ziehen, bleibt die Struktur der Erzählung bruchstückhaft. Wardill collagiert ihr filmisches Material in einer Form, die Illusion entgegenwirkt, gezielt Diskrepanzen zwischen Bild und Ton erzeugt und mit Leerstellen operiert. Die Fragmente, die sie in ihre Erzählung einbaut, umfassen tagebuchartige Momente, gefilmte Sequenzen mit Requisiten aus ihrem Studio, 3D-Bildmaterial von Ruinen, gefundenes Bildmaterial, das Menschen zeigt, die sich als Maschinen ausgeben oder als Maschinen verkleidet sind und sich als Tiere ausgeben, sowie Zitate von Hannah Arendt, die bereits in den 1950er-Jahren über die undemokratischen Grundlagen von Technologien sprach, bis hin zu zeitgenössischen Quellen über die architektonischen Strukturen in den Erzählungen Hollywoods.

Als eine Art imaginäres Heim von Mutter und Sohn wählt Wardill das kurz vor 1974 fertiggestellte Familienhaus des Architekten António Teixeira Guerra in Lissabon, wo sie zu jener Uhrzeit drehte, zu der er immer Gäste einlud – der magischen Stunde. Die Lichtspiele der untergehenden Sonne, die Auflösung der Grenze zwischen Objekten und ihren Schatten und die Art, wie die Architektur mit ihrer Umgebung verschmilzt, können von der Kamera nur schwer erfasst werden, sodass es oft den Anschein hat, dass die Kamera nach Licht und Klarheit sucht. Im Wechselspiel mit der Narration werden auf diese Weise immer auch die Technologie der Aufnahme und ihr eigenes Ringen um die Wiedergabe von Realität sichtbar.

Für ihre Installation in der Secession knüpft Wardill ein raumüberspannendes Netz aus dem Video und den darin verwendeten Requisiten: zwei hängenden Sesseln, einem Pendel, von der Sonne gebleichte Tücher und ein Diaprojektor, der durch die Glastür Bilder des Mondes von außen in den Raum wirft. Roh und schnell bemalte Wände unterstreichen die Energie einer Skizze, die vorgibt, ein abgeschlossenes Stück zu sein, genau wie die Nacht vorgab, Tag zu sein.

Im zweiten Film der Ausstellung, I gave my love a cherry that had no stone (2016), schwankt und torkelt ein männlicher Tänzer nachts durch das Foyer der Calouste Gulbenkian Foundation in Lissabon. Seine Bewegungen wurden mit einer Kamera, die vorgibt, eine Drohne zu sein, und einer Drohne, die vorgibt, immateriell zu sein, gefilmt. Die Kamera gleitet durch das modernistische Interieur und nimmt den Charakter eines eigenen Akteurs an. Als weitere Figur tritt ein körperloses weißes Hemd auf, das durch den Raum schwebt und sich zu einem Phantomkörper aufbläst. Materielles und Unsichtbares, menschliche Präsenz oder Handlungsfähigkeit geraten auf unheimliche Weise durcheinander in einem Raum, in dem die Zeit selbst weit in die Vergangenheit oder Zukunft springen kann.

Emily Wardill wurde in Großbritannien geboren und lebt und arbeitet in Lissabon.