Edi Hila, Photo: Oliver Ottenschläger
Edi Hila, Der Klang der Tuba, Ausstellungansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger

Edi Hila

Der Klang der Tuba

18. September – 8. November 2020

Die Suche nach künstlerischer Wahrheit ist für meine Malpraxis grundlegend. Die Wahrheit, verstanden als Darstellung einer Wirklichkeit meiner Umgebung, wie sie ist, ist mir viel wichtiger als jede Vorstellung von Schönheit.* (Edi Hila)

 

Edi Hilas künstlerische Laufbahn ist untrennbar mit der spezifischen politischen Geschichte Albaniens verbunden. Anfang der 1970er-Jahre wurde er als junger Künstler mit Berufsverbot belegt, und es dauerte fast 20 Jahre, ehe er seine Arbeit offiziell wieder aufnehmen und auch ausstellen konnte. Auslöser war das Bild Planting of Trees (1972), das eine Gruppe junger Leute beim Pflanzen von Bäumen zeigt. Diese an sich harmlose Darstellung wurde als zu individualistisch und nicht den Idealen des sozialistischen Realismus entsprechend eingestuft und Hila dementsprechend die Berechtigung zur Kunstproduktion entzogen.

Seine „zweite Laufbahn“ begann nach dem Zusammenbruch der Sozialistischen Volksrepublik Albanien (1944–1990). Hilas Werke nach dem Regimewechsel sind einerseits Zeugnisse eines Künstlers, der sich unter geänderten Vorzeichen neu erfinden musste, andererseits sind sie eine Dokumentation des Transformationsprozesses eines ganzen Landes und seiner Menschen. Hila ist ein feinsinniger Beobachter: Seine Bilder handeln von der Veränderung, von Hoffnung und Frustration, vom Erfindungs­reichtum und der Kreativität einfacher Menschen, vom Überlebenskampf, vom Ringen nach Demokratie, gesellschaftlichen Werten und Zielen. Architektur und das urbane Umfeld liefern ihm dafür die Schau­plätze. Häufig visualisiert er den gesellschaftlichen Wandel indirekt, durch die Spuren im Alltagsleben, in Gebäuden, im Stadtbild. Das Arbeiten in Serien ermöglicht ihm, in der Wiederholung die jeweiligen Themen umfassend und facettenreich darzustellen und gleichzeitig formal und kompositorisch zu experimentieren. Die Farbpalette konzentriert sich zunehmend auf erdige, harmonisch aufeinander abgestimmte Farbtöne, die ineinander übergehen und die Formen mitunter bis an die Grenze der Abstraktion auflösen, was den Bildern eine traumähnliche Uneindeutigkeit und Rätselhaftigkeit verleiht.

Hila präsentiert in der Ausstellung Der Klang der Tuba rund 20 Gemälde aus unterschiedlichen Serien der letzten Jahre sowie einige Werke, die Ende der 1990er-Jahre entstanden. Sie spannen einen zeitlichen Bogen, der globale Migrations- und Fluchtbewegungen der Gegenwart, die große Auswanderungswelle nach dem Regimewechsel und politisch motivierte Deportationen in der Frühphase des Kommunismus in Albanien miteinander verknüpft. Gegenwart und Vergangenheit stehen sich in Hilas Bildern gleichwertig gegenüber und trotz der unterschiedlichen Rahmenbedingungen zeigen die Werke erstaunlich viele Parallelen und laden zur Reflexion über heutige Verhältnisse ein.

Die dreiteilige Arbeit Njerëzit e të ardhmes (Menschen der Zukunft) aus dem Jahr 1997 zeigt ein riesiges Schiff in unterschiedlichen Ansichten. Es ist das früheste Werk in der Ausstellung und spielt auf die große Auswanderungswelle in den ersten Jahren nach der Wende an. Die Hoffnungen und Erwartungen, die mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes verbunden waren, hatten sich nicht erfüllt und viele AlbanerInnen entschlossen sich, das Land zu verlassen – nicht wenige davon über das Adriatische Meer in Richtung Italien. Die von der Flüchtlingskrise von 2015 beeinflusste Serie A Tent on the Roof of a Car (2016) bedient sich der Metapher des Zeltes, um über Mobilität, gesellschaftliche Umbrüche und politische Krisen nachzudenken. Das Zelt als Inbegriff mobiler, einfacher Behausung dient dem Menschen seit Jahrtausenden als Schutz. Gleichzeitig ist es in seiner Funktion ambivalent: Sein Schutz ist begrenzt und es ist auch nicht als dauerhafte Behausung geeignet. Es eignet sich für besondere Zwecke, die zudem sehr unterschiedlich sind: So kann ein Zelt einerseits Urlaub und Erholung dienen und andererseits bei Ernstfällen wie Naturkatastrophen und Kriegen als Not- oder Flüchtlingsunterkunft eingesetzt werden.

House in Korça, 1945 (2020) schließlich ist der aktuellste Werkzyklus des Künstlers, der historisch am weitesten zurückgreift. Hila erinnert darin in melancholischen, stillen Bildern an die gewaltsame Vertreibung von Menschen aus ihren Häusern, an den systematischen Terror eines brutalen Regimes, an die Bestrafung von politischen GegnerInnen und KritikerInnen. Die Abwesenheit der Menschen zeigt sich in den verlassenen Interieurs, an den ungenutzten Möbeln – an der Einsamkeit der Räume.

Diese geisterhafte Leere macht sich seit einiger Zeit in Hilas Bildern auffällig bemerkbar. Waren seine frühen Werke von Menschen bevölkert und durch narrative Szenen belebt, hat er über die Jahre zunehmend zu einer Bildsprache gefunden, die komplexe gesellschaftliche Entwicklungen anhand von urbanen Szenerien und Gebäuden festmacht. Deren Rolle in seinem Werk beschreibt der Künstler folgendermaßen: „Ich verstehe Architektur als Ausdruck einer Gesellschaft, ihrer Mentalität und Lebensweisen und schließlich auch des Geschmacks bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Man kann eine Menge über die Gesellschaft eines Landes sagen, indem man seine Architektur aufmerksam betrachtet.“*

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch sein Arbeitsprozess: Hila arbeitet nicht mit Skizzen oder Zeichnungen, sondern mit Fotos als Ausgangsmaterial, die er dann mittels Photoshop bearbeitet. Auf diese Weise manipuliert und verändert er die Wirklichkeit. Daraus wird ersichtlich, dass er mit seiner Malerei keine dokumentarischen Absichten verfolgt, sondern dass seine Sujets das Ergebnis umfassender Reflexionen sind.

In der kurzen Einführung zu seinem anlässlich der Ausstellung erscheinenden Künstlerbuch mit dem Titel Maquettes, das solche Vorlagen zur Malerei zeigt, schreibt Hila über die Rolle der Fotografie in seiner Arbeit: „[…] Mit bloßem Auge sehen wir, was wir sehen wollen, und sonst nichts. Dieser Befund hat meine künstlerische Praxis zutiefst beeinflusst. Die Verwendung von Fotografien als Grundlage für Arbeiten führte zu einem artikulierteren Prozess, in dem Spontaneität eine wichtigere Rolle gewann; entscheidend wurde die eingehende Betrachtung eines Fotos, der Versuch, all die Dinge zu entdecken, unter die Lupe zu nehmen und zu deuten, die auf den ersten Blick belanglos scheinen, um neue schöpferische Möglichkeiten und einen höheren Grad der Abstraktion zu erschließen. Diese Arbeit mit dem Material regte mich zu neuen Gesichtspunkten der formalen Interpretation wie auch zu ästhetischen Erwägungen zum Werk selbst an.“

Architektur als Bedeutungsträgerin spielt in vielen von Hilas Werken eine tragende Rolle und entsprechend große Aufmerksamkeit widmete er der Gestaltung seiner Ausstellung, für die er in Zusammenarbeit mit Laura Fogarasi-Ludloff und Jens Ludloff (Ludloff Ludloff Architekten, Berlin) eine gleichermaßen subtile wie monumentale Organisation des Raumes aus drei großen freistehenden Wandelementen entwickelte.

 

* Edi Hila in: https://blokmagazine.com/psychology-of-balkans-edi-hila-in-conversation/

Edi Hila, 1944 in Shkodra geboren, lebt und arbeitet in Tirana.