Dominique Gonzalez-Foerster
Dominique Gonzalez-Foerster, VOLCANIC EXCURSION (A VISION), 2021, Ausstellungsansicht Secession 2021, Foto: Oliver Ottenschläger

Dominique Gonzalez-Foerster

VOLCANIC EXCURSION (A VISION)

2. Juli – 5. September 2021

So fing alles an: … wachte mitten in der nacht auf und hatte eine vision. wir waren in der nähe eines kleinen vulkans, aus dem gemächlich lava strömte, die vegetation war tropisch, es gab kolibris und lamas … mein körper war in mehreren erscheinungen zugleich … umgeben von inspirierenden menschlichen und nicht-menschlichen freunden aus gegenwart und vergangenheit. es war eine wunderschöne, freudige, fast opernhafte menge, wie ein zug, ein protestmarsch, ein ausflug … typhoeus vom beethovenfries war auch da und die drei gorgonen …*

Dominique Gonzalez-Foerster sucht in ihrer künstlerischen Arbeit den experimentellen Prozess, der zu einer Art Lernerfahrung für sie wird. Sie begann in den 1990er-Jahren mit Kurzfilmen, doch bald erweiterte sie ihr mediales Spektrum und ihr Wirkungsfeld erstreckt sich auch in der bildenden Kunst benachbarte Felder wie Architektur, Design und Musik.

Für ihre formal reduzierten Environments verbindet sie häufig literarische Referenzen, filmische Einflüsse und künstlerische Zitate zu Räumen, die von einer besonderen Stimmung getragen sind. Die Qualitäten eines Ortes, seien sie architektonischer, historischer, emotionaler Art, fließen immer in die Komposition mit ein. So entstehen wie selbstverständlich inhaltliche und formale Verschränkungen zwischen der Arbeit der Künstlerin und dem Ausstellungsort. Objekte dienen ihr dabei als Hilfsmittel und Requisiten, um eine bestimmte Atmosphäre herzustellen, und sind weniger Selbstzweck und künstlerisches Produkt. Es sind sich entwickelnde Erzählungen, die sich langsam aus unvollständigen Versatzstücken, aus Fotografien, besonders arrangierten Interieurs und persönlichen Details erschließen lassen. Auf diese Weise versetzt sie BetrachterInnen in fiktive Szenarien aus Vergangenheit und Zukunft. Ihre Environments werden zu Erlebnisräumen, die mit Sehnsüchten, Utopien, Ängsten und Träumen spielen.

In ihren sogenannten „Apparitions“ (Erscheinungen) schlüpft die Künstlerin in verschiedene Rollen, zum einen von Ikonen der Hoch- und Populärkultur wie Marilyn Monroe, Maria Callas, Bob Dylan und Franz Kafka, zum anderen von enigmatischen oder exaltierten Charakteren aus Film und Literatur. Die jüngste Fortsetzung erfährt diese Serie in der Secession mit Gonzalez-Foerster in der Rolle der drei Gorgonen aus dem Beethovenfries.

Für ihre Ausstellung VOLCANIC EXCURSION (A VISION) schuf die Künstlerin ein extrem verdichtetes Environment: Auf einer Bildcollage von 24 Metern Länge und 5 Metern Höhe versammelt sie Vorbilder aus Vergangenheit und Gegenwart, FreundInnen und WeggefährtInnen, in einem fiktiven transfeministischen und antirassistischen Gruppentreffen und stellt so dem allseits brüchig gewordenen sozialen Gefüge ein Bild der Stärke und Zuversicht, des Optimismus und Mutes entgegen. Erfahrungen aus der Pandemie aber vor allem die Momente des Ausbruchs daraus – Demonstrationen und Protestkundgebungen auf den Straßen von Paris, stehen am Anfang dieses Bildes.

„und zwischen all diesen tagen im lockdown gab es einige tage im freien! protestmärsche, demonstrationen, der kontrast zwischen der einsamkeit der zimmer und bildschirme und der fruchtbaren schönheit und erregung der endlosen gruppe war beglückend und heilsam.“*

Das Wandbild Sueño de una tarde dominical en la Alameda Central (Traum an einem Sonntagnachmittag in der Alameda Central) des mexikanischen Malers Diego Rivera aus den Jahren 1946–47 wurde zur Vorlage:

„es fühlte sich an wie diego riveras traum an einem sonntagnachmittag in der alameda central, aber im jahr 2020! eine riesige transfeministische und antirassistische expedition, die durch vielfältige emotionale, politische, künstlerische, ökologische und subjektive erfahrungen und erschütterungen ausgelöst wurde, die sich im lauf der jahre 2020 und 2021 angesammelt hatten.“*

Riveras Komposition zeigt ein Zusammentreffen wichtiger Ereignisse und Persönlichkeiten in der Geschichte Mexikos und spannt einen großen historischen Bogen, wenngleich der Fokus auf der Darstellung – und Kritik – der bürgerlichen Dekadenz unmittelbar vor der Mexikanischen Revolution von 1910 liegt. Die Szene, ein Spaziergang im Park Alameda Central in Mexiko-Stadt, ist bevölkert von realen und fiktiven Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Jahrhunderten und kann so nie stattgefunden haben. „Inspirierende freund*innen, nichtbinäre, trans, queer, fluide, hybride, lesbische, schwule, pan, menschliche und nichtmenschliche, aus gegenwart und vergangenheit“* bilden die bunte Menge, mit der Gonzalez-Foerster diese Szene besetzt.

Der Schritt von Riveras Wandbild zu Gustav Klimts Beethovenfries (1902) war für die Künstlerin ein kurzer und so begegnen uns in der Collage auch der Gigant Typhoeus, den Klimt als Affen-Schlangen-Ungetüm in der Szene „Die Schrecklichen Gewalten“ dargestellt hat, und seine Töchter, die drei Gorgonen (als „Apparitions“).

Aus Gonzalez-Foersters erster Visualisierung der Ausstellung als verlassene Landschaft, die als Bühne für die Aktionen der BesucherInnen dienen sollte, wurde schließlich ein Panoramabild mit 235 lebensgroßen Darstellungen von Menschen, Tieren und Fantasiewesen – auch einige Aliens finden sich im Bild! Die Liste der Dargestellten ist lang, heterogen, subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit (ein Faltblatt hilft bei der Identifizierung). Letztendlich blieben nur drei Figuren aus Riveras Original: Frida Kahlo, Diego Rivera selbst als Knabe und die literarische Figur La Revoltosa (die Querulantin). Den Charakter des Bildes als überbordende Massenszene hat es nicht eingebüßt, es sind nur andere Personen, die es beleben. In der Fülle des Bildes klingt auch die Begeisterung der Künstlerin für maximalistische Romane wieder, deren Handlungen an vielen Orten, mit vielen Charakteren oder über lange Zeiträume eine Ästhetik des Überflusses zelebrieren.

Mit der halbkreisförmigen Wand skizziert Gonzalez-Foerster ein Diorama – nur dass dieser „Schaukasten“ keine Lebewesen in ihrer „natürlichen“ Umgebung zeigt, sondern ein futuristisch-utopisches Protest-Dschungel-Fest entwirft. Alle sind eingeladen, dieses Bild – diese Vision – zu gestalten, zu ergänzen, zu erweitern.

* Alle Zitate von der Künstlerin aus dem Buch zur Ausstellung

 

Dominique Gonzalez-Foerster, geboren 1965 in Straßburg, lebt und arbeitet in Paris.