Dineo Seshee Bopape
Dineo Seshee Bopape, Lerato le le golo (...la go hloka bo kantle), Ausstellungsansicht, Secession 2022, Foto: Oliver Ottenschläger

Dineo Seshee Bopape

Lerato le le golo (...la go hloka bo kantle)

4. März – 12. Juni 2022

In Dineo Seshee Bopapes bewegenden Installationen und Videos wirft die Geschichte ihrer südafrikanischen Heimat komplexe Fragen rund um Gedächtnis und Herrschaft über Land und Körper im Verhältnis zu den gelebten Erfahrungen afrikanischer Völker auf (außerdem geht es um Schönheit). Ihre Kunst ist geprägt durch ihre Suche nach einer bildlichen, klanglichen und materiellen Sprache, die eine autochthone Ästhetik entwirft. Sie artikuliert die Widerstandsfähigkeit der Völker (insbesondere) der afrikanischen Diaspora und ihre Fähigkeit zur Selbstheilung wie auch die Kraft, mit der sie sich seit langem der Gewalt der kapitalistisch-patriarchalischen Matrix der weißen Vorherrschaft widersetzen, sie ‚durchqueren‘ und sich von ihr befreien. Bopape macht Kunst aus sorgfältig ausgewählten Alltagsmaterialien wie Erde, Lehm, Stoffen, Pflanzen, Behältnissen, Farben und digitalen Medien. Deren materielle und symbolische Eigenschaften treten oft in Dialog mit Vorstellungen von Politik, Ästhetik, der Metaphysik von Ich/Ding/Geist und Relationalität, Souveränität, Präsenz, Zuhause, Land und Gewässer, Sprache, Gesang und Erinnerung …

In der Secession hat Dineo Seshee Bopape eine neue Installation entwickelt, die sich auf den Ort einlässt und die Besucher*innen mit ihrer machtvollen Körperlichkeit in eine andere Welt versetzt. Der Raum wird geküsst von rosafarbenem Licht und ist erfüllt vom Summen von Honigbienen. Kuppeln und kniehohe Wände aus gestampftem Lehm sprechen die Sprache des flüchtigen Dings, das durch die Architektur nach oben offener Einfriedungen/Höfe in manchen traditionellen afrikanischen Dörfern (Empfangsbereich, Innenhof, Vorplatz, Gebetsbereich unter freiem Himmel) Form hervorbringt und einen Ort erhält. Diese lassen eine fließende spiralförmige Bewegung und Struktur zwischen Innen und Außen, hin zum Mittelpunkt des Werks, entstehen und bieten einen Eingang … ein Portal. Runde Vertiefungen im Boden in einem der Zentren der Ensembles spiegeln eine kosmische Konstellation wider und bilden Anknüpfungen an frühere Generationen von Arbeiten der Künstlerin. Wie die tönernen Schalen und Krüge fungieren sie unter anderem als Behältnisse, Gefäße, Körperöffnungen oder Instrumente der Anrufung und Denkmäler, Ideen von Weiblichkeit und … Satelliten (des Zuhauses: Heimatboden/Heimaterde).

Bopapes Konstellation von Elementen ist mit gesellschaftlicher, politischer und symbolischer Bedeutung aufgeladen. Zu den Wissenstraditionen, aus denen ihre Kunst sich speist, zählt die uralte südafrikanische Schöpfungsgeschichte, nach der das Wasser beim Zusammenprall von Fels und Feuer geboren wurde. Diese Erzählung wurde wie weite Teile des Wissens und der Daseinsformen der indigenen Bevölkerung während der westlich-imperialistischen Kolonialisierung/Kolonialzeiten verdrängt und unterdrückt, als Angriff auf das rationale/europäisch-aufklärerische Projekt gelesen, auf die Moderne, das ‚Christliche‘ … die westeuropäische politische Identität … Wie jede Schöpfungsgeschichte ist sie eine Quelle der Identität und der Orientierung in der Welt. Wie übersetzt man diese Geschichte vom Anfang der Welt ins Heute? Bopapes künstlerische Herangehensweise ist eine intuitive Reise durch sie hindurch, in der das Augenmerk weniger auf Darstellungen als auf den ‚Beziehungen‘, die im Spiel sind, liegt. Für die Künstlerin steht sie für mögliche Lektüren und ‚Re-Visionen‘ – dafür, Geschehenes neu zu träumen – in den Schichten zwischen Himmel und Erde …

In ihrer Installation schafft Bopape einen Austausch der Erfahrungen und Bedeutungen als Sprungbrett einer anderen Rationalität und Medizin für das Weibliche … Die vielfältigen Verknüpfungen von Materie, Leben und Geist werden im Ausstellungstitel Lerato le le golo (… la go hloka bo kantle) [eine große Liebe (… die kein Außen kennt)] besungen. Die dichterische Zeile auf SePedi – Bopapes südafrikanischer Muttersprache – bezieht sich auf die Beziehung zwischen Dingen – eine bedingungslose Liebe … Ein Gefühl, das im Duft des Regens auf der mit Hitze getränkten Erde Afrikas überströmt … Pula (Regen), ein wertvolles Gut im Land ihrer Geburt, ist gleichbedeutend mit Leben, Fruchtbarkeit und Reichtum. Auf SePedi wird er in Liedern vielfach als segensreiche Gegenwart/Zeuge gerühmt, als Ereignis (pula ya medupi). Ihm ist eine Sinnlichkeit eigen, auf die oft in Riten des Erwachsenwerdens Bezug genommen wird … und in solchen, die das Land und die Fruchtbarkeit feiern … auch im Dialog mit diversen indigenen Geschichten, Ausdruck der Befruchtung der Erde durch den Himmel im Regen, in dem oft die Schlange der Schöpfung vorkommt … eine Art Wiedergeburt ist im Spiel.

Dineo Seshee Bopape kam im Jahr des Goldenen Hahns 1981 (1974 nach äthiopischer Zeitrechnung) an einem Sonntag zur Welt. Wäre sie Ghanaerin, wäre ihr Name Akosua/kurz Akos. Im Jahr ihrer Geburt wurden vielleicht 22 Hurrikane über dem Atlantik und vier Zyklone über dem indischen Ozean vor der Küste von Mosambik verzeichnet. In Brixton kam es zu Ausschreitungen; der Song „Endless Love“ ist ein Radiohit; Umkhonto We Sizwe verübt zahlreiche Anschläge aus dem Untergrund gegen den Apartheitsstaat. Die Boeing 767 absolviert ihren Jungfernflug, Zaire ist der weltgrößte Kobaltproduzent, Winnie Mandelas Verbannung wird um fünf Jahre verlängert; in Chile wird das Wassergesetzbuch erlassen, das Wasserrechte vom Grundbesitz trennt; zwei Menschen wurden verletzt, als in einem Einkaufszentrum in Durban eine Bombe explodierte; Bobby Sands stirbt; in China kamen bei einem Erdbeben vielleicht 50 Menschen ums Leben; in Genf versammeln sich Nichtregierungsorganisationen zu einer internationalen Konferenz zu indigenen Völkern und Land, der Name „Internet“ wird zum ersten Mal erwähnt; in Ghana findet ein Staatsstreich statt; Prinzessin Diana von Großbritannien heiratet Charles; Bob Marley stirbt; eine ringförmige Sonnenfinsternis ist vom Pazifischen Ozean aus zu sehen. Apartheid-Südafrika marschiert in Angola ein; AIDS wird identifiziert/geschaffen/benannt; Salman Rushdie veröffentlicht sein Buch „Midnight’s Children“; Griechenland wird binnen elf Tagen von drei Erdbeben getroffen; in Mauretanien wird der Sklavenhandel offiziell abgeschafft; die Überreste der Titanic werden gefunden; Muhammad Ali beendet seine Karriere; die USA und Japan sind führend in der Ausbeutung von unterseeischen Bodenschätzen, das 15. IVF-Baby wird geboren, Thomas Sankara fährt mit dem Fahrrad zu seiner ersten Kabinettssitzung; Machu Picchu wird zum Kulturerbe erklärt; in Tschad herrscht Dürre, Neuseeland stellte 16 Flüsse und Seen wegen ihrer „außergewöhnlichen“ Bedeutung unter ewigen Schutz. Ihre demenzkranke Großmutter väterlicherseits stirbt; MTV geht auf Sendung; Glattwale, die in diesem Jahr geboren werden, sind, so heißt es, größer als alle später geborenen. Weitere zusammenfallende Ereignisse ihres Geburtsjahres und ihrer Lebenszeit sind vielleicht zu zahlreich, um alle zu kennen; manches ging weiter, manches verwandelte sich, manches verschob sich, anderes ging zu Ende (?), manches begann … Die Weltbevölkerung zählte damals anscheinend etwa 4,529 Milliarden … heute ist sie (Bopape) eine von 7 Milliarden – und bewohnt mehrere Adjektive zugleich.

Text: Dineo Seshee Bopape

Programmiert vom Vorstand der Secession
Kuratiert von Annette Südbeck