23. Januar 2014

Salon Klimbim

Von vegetarischen Tigern und utopischen Unterhandlungen

Veranstaltungsprogramm

Salon Klimbim bittet zu einem Performance-Reigen auf utopischem Eis. Hier herrscht kein Dress-Code des Denkens, kein Frontex der Zeitgenossenschaft und auch keine Utopie-Polizei, sondern Politik und Party, Tanz und Tollheit, Film und Verführung, Intervention und Agitation, kurz: Unterhandlungen und Unterhaltungen.

Mitwirkende:
Ayreen Anastas / Rene Gabri, Elke Auer / Esther Straganz, Zanny Begg, Mariam Ghani, Miguel A. López: Guiseppe Campuzano, Die Schefin, Alexander Nikolic, Bert Theis, Schon-Schön-Girls, Tanz durch den Tag, Vitali Lesan, John Barker, Sexy Deutsch, BAM of the Jungle Brothers, Christoph Schäfer, Susiklub, Franz Kapfer, Krõõt Juurak, Proll Positions, Melodien für Millionen, Maja Osojnik, Hermann Seiwald / gabarage, GOLEM, Pedro G. Romero / Archivo F.X.: Marco de Ana, Niño de Elche, Martín Acosta / Chiara Cirillo, Zsófi Pirók, Laia Fabre, Stephan Voglsinger, Brigitte Langer u.a.

Kuratiert von Fahim Amir in Korrespondenz mit Ines Doujak und Oliver Ressler

Salon Klimbim ist der erste öffentliche Auftritt von Utopian Pulse – Flares in the Darkroom, kuratiert von Ines Doujak und Oliver Ressler. Darauf folgen monatliche Leuchtsignale in der Form von Transparenten auf der Fassade der Secession. Diese sind Wegmarken bis zur Verwirklichung einer Ausstellungsserie im September 2014. Utopian Pulse als Ganzes wird utopische Projektionen schaffen, um dem eigennützigen Credo der nützlichen Idioten des Kapitalismus – dass der Begriff der Utopie allein schon gradewegs in den Gulag führt – eine nachhaltige Absage zu erteilen. Utopie ist etwas anderes: die Behauptung des nicht Verwirklichten im und gegen das Wirkliche.

Gefördert vom Austrian Science Fund (FWF) AR 183-G21

Programm:
SEE-FOR-YOURSELF
INSTALLATION, laufend
In seiner Arbeit SEE-FOR-YOURSELF (2010) verbindet Franz Kapfer die deutsche NS-„Wunderwaffe“, die V2-Rakete, ein Symbol der nationalsozialistischen Aggressions-, Eroberungs- und Terrorpolitik, mit einer Art Emblem kleinbürgerlicher Gartengestaltung – der Thuja-Zypresse, auch Lebensbaum genannt, und verknüpft sie so mit einer Bühnengestaltung für eine uneinnehmbare „Alpenfestung“.

A TALK ILLUSTRATED BY HAND
KOMMENTAR, laufend
In Christoph Schäfers Beitrag wird die Frage nach dem Recht auf Stadt – besonders im Lichte der Gezi-Proteste in Istanbul – zeichnerisch und theoretisch weitergedacht: Welche Optionen ergeben sich aus der Verräumlichung der Konflikte für emanzipatorische Bewegungen? Und warum hat das auch Konsequenzen für die sozialen Bewegungen in „Kerneuropa“?

GOLEM
BAR-PERFORMANCES, 18.30–22 Uhr
Die Verbindung klassischer amerikanischer Barkultur mit dem vergessenen Wissen einiger VorfahrInnen ist das Thema dieser scheinbar endlosen Reihe von Performances, die GOLEM in extravaganten Kostümen und mit wertvollen Juwelen aus Jonathan Johnsons letzter Kollektion „Life after Death“ hinlegt. Champagner für den Schmerz!

MELODIEN FÜR MILLIONEN
DJ, 30 min Mit einem Faible für deutschsprachige Fassungen sowie einem Hang zum Italo-französischen Schlager lindert das DJ-Duo Melodien für Millionen auf höchst charmante Weise nostalgische Sehnsüchte: Wer sich erinnert, war dabei!

THE RED TAPES (1977–79)
FILM, 10 min
Mariam Ghani präsentiert Auszüge aus ihren Forschungen – „What we left unfinished“ – zu den unvollendeten Projekten der radikalen Linken in Afghanistan, wie sie in Filmen zum Ausdruck kommt, die die Behörden des kommunistischen Afghanistan hinterlassen haben. Fiktionales und Dokumentarisches vermischen sich zu einer Darstellung der utopischen Frühzeit oder zumindest utopischen Absichten des afghanischen kommunistischen Experiments. Zeigt Gesang, Tanz, Schafe und Schießereien.

TAKE THE SQUARE (2012)
FILM, 8 min
Ausschnitte aus einem Film von Oliver Ressler auf der Grundlage von Diskussionen mit AktivistInnen von 15M (Bewegung 15. Mai) in Madrid, der Syntagma-Platz-Bewegung in Athen und Occupy Wall Street in New York. Unter Rückgriff auf das Format der Arbeitsgruppe diskutieren AktivistInnen Organisationsfragen, horizontale Entscheidungsprozesse, die Bedeutung und Funktion der Besetzung öffentlicher Räume und wie gesellschaftlicher Wandel möglich ist.

ADJUSTING THE BLEACH FOR AN UTOPIAN RICH (2014)
KURZKONZERT, 10 min
Maja Osojnik gibt ein Solo mit elektronischen Geräten, Kassettenrekordern und einer Paetzold-Bassflöte unter Verwendung von „Fehlgeräuschen“ aus verschiedenen privaten Aufnahmen, die für bestimmte Zwecke gemacht wurden, aber wegen digitaler Fehler ungewollt verzerrt, übersteuert, phasenverschoben und deswegen unbrauchbar sind. Diese unvorhergesehenen und verworfenen Klänge ergeben jetzt die perfekte Realität.

ENTHÜLLUNG EINER GEDENKTAFEL
EINWEIHUNG, REDE, 8 min
Auf der Originalgedenktafel für Gavrilo Princip, die 1930 in Sarajewo angebracht, später von den Nazis gestohlen wurde und verlorenging, stand, dass an diesem historischen Ort „die Freiheit verkündet“ wurde. Alexander Nikolic wird die Gedenktafel mit einer feierlichen Ansprache enthüllen: kein trauriger Staatsakt, sondern eine festliche Einweihung.

DAWGMATICS
DJ/MC Set, 9 min
BAM war als Mitglied der New Yorker Hip-Hop-Formation The Jungle Brothers in den 1980ern ein wichtiger Protagonist des pazifistischen afrozentrischen Hip-Hop-Movement (The Native Tongues). Peace-Zeichen statt Mittelfinger, Anrufungen von Mother Nature statt tonnenschwere Goldketten. Durch ihre zugänglicheren Positionen, die sich von den militant politischen, Kapitalismus invertierenden Widerstandsgesten ihrer KollegInnen an der West Coast abhoben, erschlossen die Native Tongues eine neue Hip-Hop-HörerInnenschaft und entfalteten durch formale Innovationen wie beispielsweise die Integration des Jazz in den Hip Hop eine nicht zu unterschätzende Wirkung in der schwarzen Populärmusik.

UTOPIA BACKWARDS (2014)
VORTRAG, 10 min
Eine Re-Imagination einer Wunderlampen-Vorstellung von Zanny Begg, die die Utopie in den Antipoden untersucht.

UTOPIA HAS JUST LEFT THE BUILDING
VIDEO, 6 min, PERFORMANCE, 5 min
In Mailand war die Utopie gerade abgereist, aber die Sehnsucht hat sie zurückgebracht und wir haben einen Raum für sie besetzt, das Isola Art Centre. Die Bullen und die ImmobilienentwicklerInnen haben sie gehasst und zwangsgeräumt, aber sie ist wieder da, auf der Isola Pepe Verde am Bahnhof Porta Garibaldi. Präsentiert von Bert Theis, Aktivist & Subkurator am Isola Art Center.

ENTRADAS: Hugo Ball; Vicente Escudero; Emmy Hennings; La Criolla; La Galerie Des Monsters. ZERBERSTENDE GITARREN! ZERBRECHENDE KEHLEN! ZERREISSENDE TÄNZE!
TANZ, 20 min
Archäologie einiger historischer Stücke aus dem Feld des Flamenco zwischen 1915 und 1935 aus dem Archivo F.X.; dargeboten von Pedro G. Romero mit Marco de Ana, Niño de Elche, Martin Acosta & Chiara Cirillo, Laia Fabre, Zsófi Pirók, Cristina Sandino, Stefan Voglsinger und Brigitte Langer.

A STAND-UP ROUTINE FOR ANIMALS
PERFORMANCE, 8 min
Krõõt Juurak führt ihr Forschungsprojekt zum Humor bei Tieren vor und präsentiert mit Alex Bailey ihre Ergebnisse. Da man mit Tieren gut denken kann, kann man vielleicht auch gut mit ihnen lachen: Tierwitze für Tiere.

SONG IN THE DARK (2014)
GESANGS- UND TANZEINLAGE, 7 min
Eine Sequenz von Ines Doujak und John Barker mit Hilfe von Matthew Hyland. Zwei Riesen aus der Rabelaisschen Welt erscheinen im Salon Klimbim, um eine herrenlose Stimme und ihren Gesang von schmerzlicher und unerbittlicher Freude zu begleiten. Maja Osojnik benutzt sie als Instrumente und komponiert die Musik. Vitali Lesan baute die Masken und wirkt bei der Darbietung mit.

LUSTY LIGERS AND SPASTIC FIBERS (OR ON KNISMESIS AND GARGALESIS)
FOLGE VON MIKRO-RAVES, 4 min und laufend
Elke Auer & Esther Straganz produzieren eine Choreographie utopischer Gefühle, bei der Berührung unwillkürliche Zuckungen, Gänsehaut, Gelächter, Tränen und Kribbeln auslöst. Ein lächerliches Chaos aus Freude und Nervenreizung, bei dem Voodoo-Lilien, Prickelndes, Bastarde, Kitzelschwärme, nasse Gegenstände und pulsierende Affekte natürlich nicht fehlen dürfen.

AYREEN ANASTAS UND RENE GABRI
KURZVORTRAG, 10 min
Ayreen Anastas und Rene Gabri halten einen performativen Vortrag über die utopischen Dimensionen, die dem Horizont des Gemeinwesens und -guts innewohnen.

SYNCHRONIC IRONING
PERFORMANCE, 5 min
Eine Geheimversammlung der Internationalen Tuntathlon-Union war sich einig: absolute Handtaschen- und High-Heel-Pflicht, unbegrenzter Alkoholmissbrauch, Perücken für alle. Abgesehen davon ist jeder eingeladen, bei diesem alternativen Sportwettkampf mitzumachen. Die Finalgewinner der Jahre 2011 und 2012, The Fabulous Schon-Schön-Girls, gewähren uns das Privileg, ihrer unübertroffenen Synchronbügel-Darbietung beizuwohnen.

MELODIEN FÜR MILLIONEN
DJ, 30 min
Mit einem Faible für deutschsprachige Fassungen sowie einem Hang zum Italo- & französischen Schlager lindert das DJ-Duo »Melodien für Millionen« auf höchst charmante Weise nostalgische Sehnsüchte: Wer sich erinnert, war dabei!

PERFORMANCE, 13 min
FILM, 1 min
Miguel A. López präsentiert das Video LA PINCHAJARAWIS von Giuseppe Campuzano. Anschließend wird Die Schefin sein/ihr TRANVESTITE MANIFESTO noch einmal zur Aufführung bringen.

TANZ DURCH DEN TAG
DJ, 60 min
Spezialisiert auf die Wiederbelebung von Totem, wie dem Sonntag oder ehemals öffentlichem Raum, widersetzt sich das Veranstaltungskollektiv dem Druck turbo-kommerzieller Tanzhütten. In Verbindung mit seiner gesellschaftspolitischen Themensetzung kann das Kollektiv zu Recht behaupten, das Erbe ehemals gegenkultureller Räume anzutreten.

SEXY DEUTSCH
DJ, 60 min
Sexy Deutsch mochte es bei ihren Auftritten dreckig, feucht und mit viel Bass. Das DJ-Kollektiv wird beim Salon Klimbim seine Auflösung und Neubenennung verkünden. Vom neuen Namen ZEN versprechen sich Sexy Deutsch vor allem einen größeren kommerziellen Erfolg: „Wir würden gerne irgend etwas anbieten, um euch zu helfen, aber im ZEN haben wir überhaupt nichts.“

SUSIKLUB
DJ, 60 min
Weit ist der Susiklub seit seiner Gründung vor sieben Jahren gekommen: Was ohne Türsteher, dafür aber mit viel billigem warmen Bier begann und konsequent Klo, Raumangebot und Lüftung eine Absage erteilte, konnte nur in den Salon Klimbim führen. Das Motto für ihre Darbietung ist William Blakes „Hochzeit von Himmel und Hölle“ entnommen: Expect Poison from Standing Water.

REDE, 5 min
Christoph Schäfer hält womöglich einen spontanen Kurzvortrag.