23. Februar

Der Preis der Freiheit

Zur politischen Ökonomie von Zensur

Symposium

Obwohl Zensur als staatliche Institution im neoliberalen Weltgefüge weitgehend verschwunden zu sein scheint, hat sie nicht nur als Schlagwort überlebt – das zeigen die Diskussionen über Kürzungen öffentlicher Förderungen für regierungskritische Institutionen ebenso wie die Auseinandersetzungen um antisemitische und pornografische Websites. Unter dem Begriff „Zensur“ lassen sich daher verschiedene Praktiken zur Regulation von Öffentlichkeit zusammenfassen, denen allerdings nicht mehr mit eindeutigen moralischen Wertungen – „gute“ Freiheit gegen „böse“ Zensur – beizukommen ist. Gerade die großen revisionistischen Debatten der letzten beiden Jahrzehnte, die die Neue Rechte losgetreten hat, zeigen, wie sehr sich die politischen „Vorzeichen“ von Freiheit und Unterdrückung geändert haben und dass diese Begriffe nicht unabhängig von politischen Inhalten zu diskutieren sind. Im Namen welcher Freiheit und Wahrheit geht es also gegen welche Unterdrückung?

Programmatisch der Freiheit der Kunst verpflichtet, hat die Secession eben einen Prozess, den ein FPÖ-Politiker wegen eines Bildes von Otto Mühl gegen sie angestrengt hat, höchstgerichtlich verloren. Über diesen konkreten Anlass hinaus will das Symposium Der Preis der Freiheit einerseits juristische und ökonomische Einschüchterungspolitiken im Kontext des rechten Kulturkampfs thematisieren und andererseits politische Positionierungen in den Auseinandersetzungen um Zensur formulieren. Ausgehend von der Frage, wie Freiheitsansprüche und Verbotshandlungen innerhalb sich rasch verändernder Wahrheitsregime und Sichtbarkeitspolitiken verhandelt werden, sollen konkrete Handlungsoptionen jenseits moralischer Empörung reflektiert werden. Im Zentrum stehen dabei antinationale Perspektiven, da gerade in den Konstruktionen einer spezifisch österreichischen „Kulturnation“ vieles an impliziter Komplizenschaft zwischen sozialdemokratisch-„josefinistischer“ und rechter Kulturpolitik zu verorten ist. Die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten und Ambivalenzen prägen auch nach einem Jahr schwarz-blauer Regierung die Debatten des „kulturellen Widerstands“ zwischen bzw. jenseits von Boykott und Normalisierung.

23. 2.
18 – 22 Uhr
Einleitung, Helmut Draxler, Hedwig Saxenhuber
Vortrag, Mark Terkessides
Moderation: Helmut Draxler

Die Freiheit der Kunst und der rechte Kulturkampf
Matthias Herrmann, Werner Würtinger, Hannes Tretter, David Casacuberta
Moderation: Hedwig Saxenhuber

Performance
Viktor Rogy

24. 2.
13 – 16 Uhr
Zur politischen Ökonomie von Zensur
Tom Holert, Boris Buden, Žarana Papić
Moderation: Georg Schöllhammer

17 Uhr
Vortrag, Georg Seeßlen (Berlin)
Moderation: Helmut Draxler

19 – 21 Uhr
Kulturnation und antinationale Perspektiven
Silke Wenk, Oliver Marchart, Tatiana Zhurzhenko, Antje Schuhmann
Moderation: Johanna Schaffer

25. 2.
11 Uhr
Wie kollaborieren?
Wolf Wetzel, Stephan Geene, Augustine Leisch, Ljubomir Bratić
Moderation: Helmut Draxler

Offene Abschlussdiskussion
Moderation: Ruth Noack

TeilnehmerInnen:
Ljubomir Bratić
Philosoph, Sozialwissenschaftler, Publizist, Aktivist und Flüchtlingsbetreuer, lebt in Wien. Bundessprecher des Austrian Network Against Racism (ANAR), Mitarbeiter im Verein Projekt Integrationshaus, regelmäßige publizistische Tätigkeit in dérive, Die Bunte.
Boris Buden
Publizist, lebt in Wien. Redakteur im Magazin Arkzin Zagreb, Veröffentlichungen in verschiedenen kroatischen und internationalen Medien.
David Casacuberta
Professor für Philosophie an der Universidad Autonoma de Barcelona. Ehemaliger Präsident und Gründungsmitglied von Fronteras Electronicas España (FrEE), einer NGO, die sich mit elektronischen Bürgerrechten und Freiheit in Spanien auseinandersetzt.
Helmut Draxler
Kunsthistoriker, Kritiker und Kurator, lebt in München. 1992-1995 Leiter des Münchener Kunstvereins. Lehrt seit 1998 Kultur- und Medientheorie an der Merz Akademie in Stuttgart.
Stephan Geene
Beteiligt an minimal club + b_books (Verlag, Buchhandlung und Veranstaltungsort), Berlin. Wissenschaftskritische Beiträge u.a. für TAZ, Jungle World.
Matthias Herrmann
Künstler, lebt in Wien. Herausgeber von SLUTSmagazine. Seit 1999 Präsident der Secession.
Tom Holert
Freier Kulturwissenschaftler und Journalist, lebt in Köln. Im April 2000 gründete er mit Mark Terkessidis das Institute for Studies in Visual Culture (isvc) in Köln.
Augustine Leisch
Autorin, Journalistin, Organisatorin der Kulturkarawane, lebt in Wien.
Oliver Marchart
Philosoph, lebt in Wien.
Ruth Noack
Kunsthistorikerin, arbeitet als Kunstkritikerin und Kuratorin. Übersetzt im feministischen Kollektiv Gender et alia. Derzeit Lehrbeauftragte für Feministische Filmtheorie an der Universität Wien. Präsidentin der österreichischen AICA.
Žarana Papić
Sozialanthropologin, lebt in Belgrad. Professorin am Women’s Studies Centre, Belgrad. Mitorganisatorin der ersten Internationalen feministischen Konferenz in Osteuropa (Belgrad 1978).
Viktor Rogy
ist ein Büro, ein Sänger, Tänzer und Skulptor. Er lebt in Klagenfurt.
Hedwig Saxenhuber
Freie Kuratorin und Co-Editorin von springerin, Hefte für Gegenwartskunst, lebt in Wien. 1992-1995 im Kunstverein München. Lehrt an der Kunstuniversität Linz.
Johanna Schaffer
Johanna Schaffer unterrichtet feministische Repräsentationskritik und Filmtheorie und arbeitet im feministischen Übersetzungskollektiv Gender et alia.
Georg Schöllhammer
Leitender Redakteur springerin, Hefte für Gegenwartskunst. Studium der Architektur, Kunstgeschichte und Philosophie; 1988-1994 Kulturredakteur der Tageszeitung Der Standard; ab 1992 Gastprofessur für Theorie der Gegenwartskunst an der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz.
Antje Schuhmann
Kulturwissenschaftlerin, lebt in München. Schwerpunkte: Rassismustheorien, Gender Studies, Gewalt und Geschlecht. 1993-1994 Redakteurin für Die Beute, Autorin u. a. für Hilfe.
Georg Seesslen
Filmtheoretiker, freier Autor und Dozent im In- und Ausland. Studierte Malerei, Kunstgeschichte und Semiologie in München.
Mark Terkessidis
Diplompsychologe und Journalist, lebt in Köln. 1992-1994 Redakteur der Zeitschrift SPEX. Im April 2000 gründete er mit Tom Holert das Institute for Studies in Visual Culture (isvc) in Köln.
Hannes Tretter
Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien, Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte, Vortragender am Institut für Kulturwissenschaften in Wien.
Silke Wenk
Professorin für Kunstgeschichte, lebt in Oldenburg.
Wolf Wetzel
Verfasser verschiedener Beiträge zur autonomen Theorie und Praxis, lebt in Frankfurt/M.
Werner Würtinger
Bildhauer. 1995-1999 Präsident der Secession. Vizerektor der Akademie der bildenden Künste, Wien.
Tatiana Zhurzhenko
Associate professor an der philosophischen Fakultät der Kharkiv Nationalen Universität, Ukraine. Forschungsprojekte am Kharkiv Center for Gender Studies. IWM Fellowship, Wien.