In
Recent Works, seiner ersten Einzelausstellung in Österreich, zeigt der kanadische Künstler Michael Snow fotografische Arbeiten und Filminstallationen aus den vergangenen zehn Jahren. Seine filmischen Werke sind dem österreichischen bzw. Wiener Publikum bereits bekannt, ist er doch seit langer Zeit mit seinen Arbeiten als experimenteller Filmemacher im Österreichischen Filmmuseum vertreten. Anlässlich der Ausstellung sind dort im Rahmen einer Kooperation frühe und selten gezeigte Filme Snows zu sehen.
Michael Snow (geb.1929) ist seit den 1950er Jahren professioneller Musiker und begann in den frühen 1960er Jahren, sich zudem mit Malerei und Bildhauerei zu beschäftigen, um sich sehr bald auch dem Experimentalfilm und der Fotografie intensiv zuzuwenden. Mit dem 1966/67 entstandenen Film "Wavelength" gelang Michael Snow ein "paradigmatisches" (Annette Michelson) Werk der Filmgeschichte, das auch einen Wendepunkt in Snows künstlerischer Entwicklung darstellt. Seit über 50 Jahren arbeitet er nun mit den unterschiedlichsten Medien, wobei er häufig in Zwischenräumen operiert und ein Medium intermedial aus der Perspektive eines anderen ergründet.
Die in der Secession gezeigten sieben Arbeiten bieten einen exemplarischen Einblick in das breite Spektrum des Schaffens von Michael Snow. Konsequent untersucht er die Strukturen, Verfahren und Grenzen der verschiedenen Medien. Daran gekoppelt verhandelt er Fragen der Wahrnehmung von Wirklichkeit und Kunst, wobei er stets die "Unberechenbarkeit der Betrachterposition" (Martha Langford*) anerkennt.
Ausgestellte Werke - Galerie
Paris de jugement Le and / or State of the Art, 2003
Farbfotografie auf Stoff,183 x 193 x 8 cm
In diesem Werk treffen der Realismus der nackten Betrachterinnen auf dem Foto, die gemalten Akte Cézannes und die wirklichen BetrachterInnen aufeinander. Martha Langford* spricht in ihrem Essay von einer "Inszenierung einer Konfrontation" und weiter: "In komprimierter Form leistet dieses Bild eine Gegenüberstellung von Darstellungsweisen, von handgemachter Abstraktion (Kultur) und mechanisch hergestelltem Realismus (Natur), wobei die Autoritätsschichten auf der fotografischen Oberfläche aus Emulsion und Stoff so gelesen werden können, dass die Natur die Kultur schließlich überdeckt."
*Martha Langford: "
Übertragung, Migration, Faszination: Die bewegten Bilder des Michael Snow." Essay im Katalog zu
Recent Works, Secession 2012
Martha Langford ist ordentliche Forschungsprofessorin und Direktorin des Gail-and-Stephen A.-Jarislowsky-Instituts für kanadische Kunst an der Concordia-Universität Montreal.
Solar Breath, 2002
Videoinstallation, Farbe, Ton, 62 Minuten, Endlosschleife
Das in direkter Nachfolge von
Wavelength stehende Werk verbleibt wie die Vorgängerarbeit in einer einzigen Kameraeinstellung: Sie zeigt ein Fenster, das von einem seltenen Naturphänomen umspielt wird. Natur und Kultur überlagern sich, wenn zum gewaltigen Blähen und Zurückziehen des Vorhangs die Alltagsgeräusche aus dem Wohnraum hinzustoßen. Das Video wurde nicht nachbearbeitet.
In the Way, 2011
Videoinstallation, Farbe, stumm, 23 Minuten, Endlosschleife
Ein Roadmovie mit Straßenperspektive, gefilmt aus einem Lastwagen. Es ist kaum möglich, der Projektion aus dem Weg zu gehen, sie ist "im Weg", oder der/die BetrachterIn ist im Weg, schreitet er/sie durch sie hindurch. Aber jede/r kann es auf seine Art machen, "do something my way", wie Michael Snow schreibt.
The Corner of Braque and Picasso Streets, 2009/2012
Echzeit-Video-Projektion, Holzsockel, Farbe, stumm; ortsspezifische Leinwand, die vom Künstler für jede Installation neu aufgebaut wird
Eine außerhalb des Gebäudes angebrachte Kamera filmt Bilder aus dem unmittelbaren Außenraum, die auf einer unregelmäßigen, von Sockeln zerklüfteten Projektionsfläche im Ausstellungsraum gezeigt werden. Der Titel der Arbeit verweist auf den ersten Ausstellungsort 2009 in Barcelona, der Geburtsstadt des Kubismus.
Powers of Two, 2003
4 transparente Farbfotos, 259 x 488 cm
Die zweite fotografische Arbeit, die in dieser Ausstellung zu sehen ist, eröffnet sowohl den Innenraum einer Wohnung als auch einer Liebesbeziehung. Der mathematische Begriff
Powers of Two – Zweierpotenz ist für Michael Snow "an appropriate title for a two-sided work featuring a couple". Lebensgroß sehen wir auf vier frei im Raum hängenden Fototransparenten ein kopulierendes Paar im Schlafzimmer. Der Blick vereint sich schnell mit der Frau, die den/die BetrachterIn lächelnd anblickt. Oder betrachtet sie den Sonnenauf- oder Untergang, der sich in der Aufnahme spiegelt? Die Zeit steht still, und doch wissen wir, wie es weitergeht. Das Unbehagen mischt sich mit der Neugier des Voyers, und die Frage, was auf der anderen Seite zu sehen ist, stellt sich unmittelbar. Der Fotograf als Täter und Konservator, der/die BetrachterIn als MittäterIn, als Wissende/r und schließlich als Teil des Bildes.
Piano Sculpture, 2009
4 Videoprojektionen, DVD, Farbe, Ton, je 14 Minuten, Endlosschleife
In der Videoinstallation
Piano Sculpture ist Michael Snow als Pianist zu sehen. Vier Projektionsflächen bilden einen Klang- und Bildraum, vier Mal hat der Musiker dasselbe Stück gespielt, jedoch immer anders improvisiert. Die Differenzen in Klang und Bild überlagern und verdichten sich. Es stellen sich die Fragen nach Zeit, Synchronisation und Wiederholung; es kann aber auch einfach eine intensive sinnliche Wahrnehmung sein, die
Piano Sculpture erfahren lässt.
Ausgestellte Werke - Graphisches Kabinett
SSHTOORRTY, 2005
DVD-Video-Projektion, Farbe, Ton, 1:45 Minuten, Endlosschleife
Eine Kurzgeschichte noch kürzer gemacht: Sowohl der Titel ("short" und "story") als auch das filmische Material (35-mm-Film) überlagern sich, ebenso wie die ProtagonistInnen zuweilen übereinander liegen - "Transparency over transparency", wie es Michael Snow nennt und weiter: "The work is a moving picture about a moving picture". Das Ende des kontinuierlichen Dramas ist im Anfang schon erkennbar, davor und danach verschwimmen im Moment.
MICHAEL SNOW
Recent Works in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum, Wien:
1. Sound and Silence – Freitag, 24. Februar 2012, 18.30 Uhr, Österreichisches Filmmuseum
A to Z (7 min) – 16mm (CFMDC)
New York Eye and Ear Control (34 min) – 16mm (CFMDC)
Standard Time (8 min) – 16mm (CFMDC)
:: Michael Snow im Gespräch mit Michaela Grill und Stefan Grissemann
2. Shape Changing – Freitag, 24. Februar 2012, 21.00 Uhr, Österreichisches Filmmuseum
*Corpus Callosum (92 min) – Digibeta (CFMDC)
:: Einführung von Michael Snow
3. Wavelengths – Samstag, 25. Februar 2012, 18.30 Uhr, Österreichisches Filmmuseum
Wavelength (45 min) – 16mm (OeFM)
WVLNT (15 min) – DVD (M.S.)
:: Michael Snow im Gespräch Michaela Grill mit Stefan Grissemann
4. Energy and Durations – Montag, 27. Februar 2012, 18.30 Uhr, Österreichisches Filmmuseum
Back and Forth (51 min) – 16mm (OeFM)
One Second in Montreal (26 min) – 16mm (CFMDC)
:: Einführung von Michael Snow
Katalog
MICHAEL SNOW
Recent Works
88 Seiten, Format: 165x222 mm
Texte: Martha Langford, Michael Snow
Secession 2012
Vertrieb: Revolver Verlag
Erhältlich im Shop
BIOGRAFIE
Michael Snow ist 1929 in Toronto geboren, wo er heute lebt. Weitere Stationen seines Lebens sind Montreal, Chicoutimi und New York.
Als Musiker (Klavier und andere Instrumente) tritt er sowohl allein als auch mit verschiedenen Ensembles in Kanada, den USA, Europa und Japan auf (am häufigsten mit dem CCMC Toronto). Zahlreiche Aufnahmen seiner Musik sind im Handel erhältlich.
Seine Filme sind auf Festivals in Australien, Brasilien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Korea, den Niederlanden, Österreich, der Türkei und den USA zu sehen und werden in die Sammlungen verschiedener Filmarchive aufgenommen, darunter die Anthology Film Archives in New York City, die Cinémathèque royale de Belgique in Brüssel und das Österreichische Filmmuseum in Wien.
Er arbeitet auch als Maler und Bildhauer, wobei ein Großteil seiner Arbeiten als bildender Künstler seit 1962 den Bereichen Foto- und Holografie zuzuordnen ist. Seine Werke in diesen Bereichen werden weltweit in privaten und öffentlichen Sammlungen ausgestellt, unter anderem in der National Gallery of Canada (Ottawa), der Art Gallery of Ontario (Toronto), dem Museum of Modern Art (New York), dem Museum Ludwig (Köln), dem Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, dem Centre Pompidou (Paris) sowie dem Musée des Beaux-Arts und dem Musée d'art contemporain in Montreal.
Seit 1970 arbeitet er mit Video-, Film-, Dia- und Klanginstallationen. Er hat zahlreiche Buchprojekte realisiert, darunter
Michael Snow/A Survey (1970),
Cover to Cover (Halifax: The Press of Nova Scotia College of Art and Design; New York: New York University Press, 1975),
56 Tree Poems (Gent: Imschoot, 1999) und
BIOGRAPHIE of the Walking Woman/de La Femme qui marche 1961–1967 (Brüssel: La lettre volée, 2004), und zu Zeitschriften wie
Impulse (1975),
Photo Communiqué (1986) und
C (1993) beigetragen.
Retrospektiven seiner Gemälde, Skulpturen, foto- und holografischen Arbeiten waren im Hara Museum (Tokio), seiner Filme in der Cinémathèque française und dem Centre Pompidou (Paris), in den Anthology Film Archives und im Museum of Modern Art (New York) sowie im Institut Lumière (Lyon) zu sehen. Arbeiten in allen Medien wurden 1994 im Power Plant und in der Art Gallery of Ontario (Toronto) ausgestellt. Eine Retrospektive seiner Fotoarbeiten von 1962 bis 1999 wurde in der Wanderausstellung Panoramique im Palais des Beaux-Arts (Brüssel) präsentiert und anschließend im Centre national de la photographie (Paris) sowie im Musée d'art moderne et contemporain und im Centre pour l'image contemporaine (Genf) gezeigt. Weitere Retrospektiven fanden in der Vancouver Art Gallery, dem Musée d'art contemporain (Montreal) sowie in jüngster Zeit in Le Fresnoy (Lille) und im Power Plant (Toronto) statt.
Einzel- und Gruppenausstellungen seiner Werke im Bereich der bildenden Kunst waren in Museen und Galerien in aller Welt zu sehen, unter anderem in Amsterdam, Atlanta, Berlin, Bonn, Boston, Brüssel, Kassel, Lima, Los Angeles, Luzern, Lyon, Minneapolis, Montreux, München, New York, Ottawa, Paris, Pittsburgh, Quebec City, Rotterdam, San Francisco und Toronto.
Michael Snow hat im Rahmen öffentlicher Aufträge mehrere Kunst-am-Bau-Projekte realisiert. Am bekanntesten sind
Flight Stop am Eaton Centre und
The Audience am Skydome (heute Rogers Centre), beide in Toronto. Ebenfalls in Toronto wurde im September 2006 seine
Windows Suite am Pantages Hotel und Appartementhaus an der Victoria Street eingeweiht.
Er wurde mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, darunter der erste Preis beim Filmfestival von Knokke-le-Zoute (für
Wavelength), ein Guggenheim-Stipendium (1972), der Order of Canada (Officer, 1982; Companion, 2007) und der erste Governor General's Award in Visual and Media Arts (2000) für Film. In Frankreich wurde Snow 1995 zum Chevalier de l'ordre des arts et des lettres und 2004 zum Ehrendoktor an der Université de Paris I Panthéon-Sorbonne ernannt. Dieser Titel wurde ihm auch 2008 von der Université du Québec à Montréal verliehen.
Neben der Einzelausstellung
Michael Snow—Recent Works in der Wiener Secession sind in näherer Zukunft eine Auftragsarbeit,
Lightline, für den Trump Tower in Toronto, der 2012 eröffnet werden soll, geplant, sowie Einzelausstellungen im Akbank Sanat (Istanbul), der Jack Shainman Gallery (New York) und der Art Gallery of Ontario (alle 2012) sowie im Philadelphia Museum of Art (2013).
Michael Snow hat zahlreiche Texte geschrieben, von denen die meisten in dem Buch
The Michael Snow Project: The Collected Writings of Michael Snow veröffentlicht wurden (Waterloo, Ontario: Wilfrid Laurier University Press, 1994). Eine dreibändige Buchreihe widmet sich seinen Arbeiten in verschiedenen Medien:
Visual Art 1951–1993 (Toronto: Art Gallery of Ontario, The Power Plant, 1994),
Music/Sound 1948–1993 (Toronto: Art Gallery of Ontario, The Power Plant, 1994) und
Presence and Absence: The Films of Michael Snow 1956–1991 (Toronto: Art Gallery of Ontario, 1995). Zu den weiteren Publikationen über seine Arbeiten gehören
Michael Snow, Panoramique: Photographic Works & Films, 1962–1999 (Brüssel: Palais des Beaux-Arts, 1999),
Michael Snow, Almost Cover to Cover (Bristol: Arnolfini; London: Black Dog Publishing, 2001),
Wavelength von Elizabeth Legge (London: Afterall Books, 2009) und
Michael Snow, Solo Snow (Tourcoing: Le Fresnoy; Montreal: Galerie de I'UQAM, 2010).
Ausstellungsansichten: Wolfgang Thaler
Michael Snow,
Recent Works, in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum, Wien
Die Secession wird unterstützt von:
Erste Bank Partner der Secession
Wien Kultur
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
Die Freunde der Secession
Kooperations-, Medienpartner, Sachsponsoren:
Festool
hs art service austria GmbH
Der Standard
Ö1 Club
Schremser – Das Waldviertler Bier
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