Ausstellungsgespräch mit Liz Deschenes und Florian Pumhösl:
Sonntag, 9. Dezember 2012, 11.00 Uhr (in englischer Sprache)
Eine Veranstaltung der Freunde der Secession


Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012
Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012


Liz Deschenes’ fotografisches Œuvre beschäftigt sich mit Bedingungen der Fotografie und ihren Komponenten, der Wahrnehmung und den gegenseitigen Wechselbeziehungen mit anderen künstlerischen Medien sowie nicht zuletzt mit der Architektur, im Rahmen derer ihre Arbeiten gezeigt werden. Deschenes’ Arbeiten erlauben einen selbstreferentiellen Blick auf das Medium, das von seinen Funktionen befreit ist und die eigenen Rahmenbedingungen zum Thema erhebt.


Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012
Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012


Seit einigen Jahren arbeitet Deschenes fast ausschließlich mit Fotogrammen, Bildern, die ohne Kamera erzeugt werden, eine Technik, die so alt ist wie die Fotografie selbst. Traditionell dient sie zur Abbildung von Silhouetten. Objekte werden auf fotosensitives Papier gelegt und dieses dann belichtet, wobei Deschenes auf diese äußeren Referenzen verzichtet. Ihre Arbeiten entstehen, indem sie Fotopapiere über mehrere Stunden im Freien (meist) dem Nachtlicht aussetzt, danach fixiert und mit Tonern behandelt. Je nach Einsatz und Wahl unterschiedlicher Fotochemikalien entstehen dabei Oberflächen, die schwarz, weiß, silber- oder goldfarben, glänzend oder matt sind. Hinzu kommen äußere Faktoren wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit, die unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Die Chemikalien und das Handling der Künstlerin hinterlassen Oberflächen, die Schlieren und Flecke sowie Hand- und Fingerabdrücke der Künstlerin aufweisen.


Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012
Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012


„Meine Arbeit reagiert auf das meinem Empfinden nach oft eingeschränkte Verständnis von Fotografie. Ich denke, dass Fotografie viel mehr kann, als einen bestimmten Moment in der Zeit abzubilden. [. . .] Ich arbeite mit den Grundlagen der Fotografie, also mit Papier, Licht und Chemikalien. Es gibt kein Negativ, keine digitale Datei. Ich versetze sie in einen vor-fotografischen Zustand zurück.“ (1)


Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012
Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012


Die so produzierten Fotogramme zeigen nichts als sich selbst und Spuren ihres Entstehungsprozesses. Ein wesentlicher Faktor dabei ist, dass der einmal ausgelöste fotochemische Prozess nie zum Stillstand kommt. „Ich muss ständig auf die sich ändernden Bedingungen der Arbeit reagieren, und das ist einer der Gründe, warum ich versuche, Arbeiten zu schaffen, die sich auch während und sogar nach der Ausstellung noch verändern. Weil es keinen entscheidenden Moment gibt.“ (2)


Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012
Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012


Deschenes’ Fotogramme verändern sich, sie oxidieren, verfärben sich und sind in stetem Wandel begriffen. Insofern knüpft sie damit an ihre früheren Auseinandersetzungen mit Farbe und Monochromie an. „Das Monochrom und andere selbstreflexive Praktiken haben in der Fotografie keine profunde Geschichte, vor allem weil dieses Medium so hervorragend für die Dokumentation von Dingen und Ereignissen geeignet ist. ‚Die Abkehr der Malerei von der Darstellung hat die Fotografie dazu verdammt.’“ (3)


Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012
Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012


Für ihre Ausstellung in der Secession hat Deschenes eine Serie neuer Fotogramme konzipiert. Die Werktitel „Stereograph 1–16“ der 16 für Wien produzierten Arbeiten verweisen auf Stereoskopie, eine (historische) Technik der Bildproduktion, die durch die Verdoppelung von zwei Bildern – aus leicht versetztem Winkel aufgenommen – Fotografien mit räumlichem Eindruck erzeugt. Mit dieser Ausstellung bringt Deschenes zwei ihrer zuletzt deutlich gewordenen Interessensgebiete neben der Fotografie ins Spiel: Architektur und Ausstellungsdisplay. „Hier gibt es den Bezug auf die Kamera als Raum, denn wortwörtlich bedeutet ‚camera’ auf Latein ja ‚Zimmer’. Das habe ich also im Hinterkopf, wenn ich diese Räume mit Hilfe der Fotogramme neu fasse.“ *


Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012
Liz Deschenes, Ausstellungsansicht, Secession 2012


Die extrem langgestreckten und schmalen Fotogramme werden jeweils in Paaren winkelig zusammengefügt und bilden eine Art Faltung, die auf den Balg einer Großbildkamera Bezug nimmt. Diese visuelle Referenz auf das signifikante Erscheinungsbild einer Großbildkamera, die wiederum bevorzugt für Architekturaufnahmen eingesetzt wird, da die perspektivische Verzerrung durch die Verstellmöglichkeiten des Objektivs korrigiert werden kann, findet sich schon früher, vor allem bei Deschenes’ Arbeiten für die Whitney-Biennale (2012) und ihrer räumlichen Foto-Installation Tilt / Swing (in mehreren Versionen, zuerst 2009). Der Titel beschreibt die Möglichkeiten der Bildkontrolle durch Kamerabewegungen wie z. B. die Kippfunktionen des Objektivs. Dadurch werden Bilder erzeugt, die nicht dem „natürlichen“ Sehen des Menschen entsprechen. Diese subtile Referenz auf Manipulationsmöglichkeiten der Wirklichkeit durch die Kamera führt den seit Beginn der Fotografie bestehenden Mythos der objektiven Darstellung der Wirklichkeit und in der Folge die Konnotation von Fotografie und Wahrheit ad absurdum.

Der Bezug zu Stereoskopie ist nicht wörtlich, sondern findet in Form einer Reflexion über Kamera, Raum und Sehen statt. Für ihre Ausstellung in der Galerie der Secession hat Deschenes zunächst die Raumfolge und somit die Choreografie der Ausstellung durch die Verlegung der Eingangssituation zum Seiteneingang radikal verändert. Anstelle der gewohnten Sequenz von drei Räumen mit sehr unterschiedlichen Qualitäten und Charakteristika erzeugt sie eine Raumgabelung. Vom Eingangsraum, von Deschenes als „viewfinder“ [Kamerasucher] bezeichnet, müssen sich die BesucherInnen entscheiden, ob sie zuerst in den linken oder rechten Ausstellungsraum gehen möchten.

Deschenes Referenz auf Stereoskopie ist ein Spiel mit dem Doppelbild. Den BetrachterInnen kommt auch in dieser Installation eine aktive Rolle zu, da sie quasi mit ihrer Bewegung die Blickverschiebung als Grundbedingung des stereoskopischen Sehens übernehmen. „Wie bei allen meiner Ausstellungen werden sich die Dinge höchstwahrscheinlich erst in der Installation/Ausstellung klären.“ *


(1) http://www.youtube.com/watch?v=jhLiT5RUKyw, hochgeladen 29.2.2012
(2) „Liz Deschenes in the Studio with Brian Sholis“, Art in America (März 2012), S. 155
(3) Liz Deschenes, unveröffentlichtes Künstlerstatement mit einem Zitat von Ruth Horak „Narration und neue Reduktion in der Fotografie (2002/03)“, in: Rethinking Photography I + II, Ruth Horak (Hg.), Salzburg/Graz: Fotohof edition/Forum Stadtpark, 2003, S. 93.

* alle Zitate aus: „Interview. Liz Deschenes im Gespräch mit Bettina Spörr“, Katalog zur Ausstellung, Secession: Wien, 2012.



KATALOG

Liz Deschenes

Liz Deschenes

100 Seiten, Format: 165x222mm
Texte: Johanna Burton, Ruth Horak, Liz Deschenes & Bettina Spoerr (Interview)
Deutsch/Englisch
Secession 2012
Vertrieb: Revolver Verlag
Erhältlich im Shop



BIOGRAFIE
Liz Deschenes, geboren 1966 in Boston, Massachusetts, lebt und arbeitet in New York.


Einzelausstellungen (Auswahl)

2012
Secession, Wien | Vienna/AT (Kat. | Cat.)

2010
Shift / Rise, Sutton Lane, Brüssel | Brussels/BE

2009
Right / Left, Sutton Lane, Paris/F
Chromatic Aberration (Red Screen, Green Screen, Blue Screen - a series of photographs from 2001–2008), Sutton Lane, London/UK
Tilt / Swing, Miguel Abreu Gallery, New York/USA

2007
Photographs, Sutton Lane, London/UK
Registration, Miguel Abreu Gallery, New York/USA

2001
Blue Screen Process, Andrew Kreps Gallery, New York/USA

1999
Below Sea Level, Andrew Kreps Gallery, New York/USA

1997
Beppu, Bronwyn Keenan Gallery, New York/USA


Gruppenausstellungen (Auswahl)

2012
Liz Deschenes & Charlotte Posenenske, Andreas Melas & Helena Papadopoulos Gallery, Athen | Athens/GR
Parcours, mit | with Florian Pumhösl, The Art Institute of Chicago/USA
Whitney Biennial 2012, Whitney Museum of American Art, New York/USA (Kat. | Cat.)
Notations: The Cage Effect Today, Hunter College / Times Square Gallery, New York/USA
Carl Strüwe in the context of Contemporary Photography, Bielefelder Kunstverein, Bielefeld/D

2011
If You Lived Here, You’d Be Home By Now, CCS Bard Hessel Museum of Art, New York/USA
What's Next? - Four visions on exhibiting photography, Foam, Amsterdam/NL
After Images, Musée Juif de Belgique, Brüssel | Brussels/BE (Kat. | Cat.)
Sutton Lane visits Klosterfelde: Liz Deschenes and Scott Lyall, Berlin/D
Chaos as Usual, Bergen Kunsthall, Bergen/NO
Picture No Picture, Carriage Trade, New York/USA
New York to London and Back: The Medium of Contingency, Thomas Dane Gallery, London/UK (Kat. | Cat.)
How Soon Is Now, Garage Contemporary Arts Center, Moskau | Moscow/RU (Kat. | Cat.)

2010
Free, New Museum, New York/USA
A Shot in the Dark, Walker Art Center, Minneapolis/USA
Les Rencontres d’Arles Photographie, Arles/F
Picture Industry (Goodbye To All That), Los Angeles/USA
De Rigueur, Richard Telles Fine Art, Los Angeles/USA

2009
Der Schnitt durch die Oberfläche legt neue Oberflächen frei (The Cut Through the Surfaces Reveals New Surfaces),
Temporary Gallery, Köln/Cologne, D
Collatéral, Le Confort Moderne, Poitiers, F (Kat. | Cat.)
Modern Wing Inaugural Installation of Contemporary Photograph, The Art Institute of Chicago, USA
La Vie mode d’emploi: Carl Andre, Martin Barré, Daniel Buren, Liz Deschenes, Sherrie Levine, Cheyney Thompson, Franz West, Sutton Lane, Paris/F
Constructivismes! , Galerie Almine Rech, Brüssel | Brussels, BE

2008
Photography on Photography: Reflections on the Medium since 1960, Metropolitan Museum of Art, New York/USA
Color Chart. Reinventing Color, 1950 to Today (Kat. | Cat.)
- Museum of Modern Art, New York/USA
- Tate Liverpool, Liverpool/UK, 2009
Le Retour, Nice & Fit Gallery, Berlin/D

2007
For the People of Paris, Sutton Lane c/o Ghislaine Hussenot, Paris/F

2006
Vija Celmins, Liz Deschenes, Zoe Leonard, Tracy Williams, Ltd., New York/USA

2005
The Photograph in Question, Von Lintel Gallery, New York/USA

2004
Liz Deschenes / Siobhan Liddell, Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen/D

2003
Rethinking Photography V, Forum Stadtpark, Graz/AT

2002
Back Grounds - Impressions Photographiques
- Galerie Nelson, Paris/F
- Andrew Kreps Gallery, New York/USA, 2003
Modern Photographs from the Collection, Metropolitan Museum of Art, New York/USA



Ausstellungsansichten: Jorit Aust



Die Secession wird unterstützt von:
Erste Bank – Partner der Secession
Wien Kultur
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
Die Freunde der Secession

Kooperations-, Medienpartner, Sachsponsoren:
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Schremser – Das Waldviertler Bier
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