Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler
Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler


Die in Spanien geborene und in Rotterdam lebende Künstlerin Lara Almarcegui thematisiert in ihren Projekten städtische Transformationsprozesse als Folge von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen. Seit Mitte der 1990er-Jahre richtet sie ihren Blick auf urbane Gegebenheiten, die in der Regel nicht im Zentrum der Wahrnehmung stehen: Brachflächen, Baumaterialien, Unsichtbares. In ihrer ersten Einzelausstellung in Österreich hat Lara Almarcegui für die Secession drei neue Arbeiten entwickelt, die in starkem Bezug zur Stadt Wien und zum geschichtsträchtigen Ausstellungshaus stehen, die andererseits aber auch auf frühere Werke der Künstlerin rekurrieren, die sie in den verschiedensten Städten weltweit entwickelt hat.


Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler
Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler


Lara Almarcegui arbeitet häufig im Außenraum. Zahlreiche internationale Projekte hat sie bereits durchgeführt, von der Renovierung eines zum Abriss bereitstehenden Marktes in San Sebastián (Spanien) über die intensive Auseinandersetzung mit Brachflächen in Rotterdam, Bilbao, São Paulo, Lissabon und Amsterdam. Sie sammelt historische, geografische, ökologische und soziologische Fakten über brachliegende Flächen im Stadtraum, die sich bald verändert haben werden, sie dokumentiert und befragt ExpertInnen. „Jedes Brachland hat seine eigenen spezifischen Charakteristika. Ich versuche, so detailreich wie möglich zu sein, ich zoome hinein. So kann die Einzigartigkeit eines Ortes erkennbar werden.“ Lara Almarcegui bündelt diese Informationen in Guides, Broschüren, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der teils öffentlich, teils privat genutzten Freiflächen sachlich und nüchtern darstellen.


Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler
Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler


Auch die für die Secession entwickelte Broschüre Brachflächen am Nordbahnhof, Wien (2010) ist frei von der Romantisierung einer Patina, vom sentimentalen Blick auf die Vergangenheit. Die Brachen, mit denen sich Lara Almarcegui beschäftigt, liegen am Nordbahnhofgelände im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Einst größter und wichtigster Bahnhof der Habsburger- Monarchie wurde der Nordbahnhof im 2. Weltkrieg schwer beschädigt und schließlich in den 1960er-Jahren abgerissen. Dort, wo früher ein Petroleumdepot und alte Kohlenhöfe waren, versucht sich nun die Natur durchzusetzen. Dem Leitbild Nordbahnhof von 1994 folgend, soll es diese Flächen betreffend 2012 eine Ausschreibung für die detaillierten städtebaulichen Planungen geben. Vorgesehen ist die Errichtung von Wohnbauten, ein Teil der Fläche wird als grünes Erholungsgebiet erhalten bleiben. Mit ihren Guides hält Lara Almarcegui den heutigen Zustand der Undefiniertheit, des Übergangs fest. „Es ist immer gut, über den aktuellen Stand der Stadtplanung Bescheid zu wissen. Die Brachflächen sind wichtig, denn sie stellen die einzigen noch nicht definierten Flächen in der Stadt dar. Bar eines Entwurfes geschieht hier alles nach Zufall und nach keinem bestimmten Plan. [...] Die Abwesenheit von Design ist ihr großer Wert; und daher will ich die Brachflächen in meinen Arbeiten ‚retten‘́, falls das möglich ist und es Sinn macht“, so die Künstlerin.


Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler
Lara Almarcegui, Installationsansicht: Bauschutt Hauptraum Secession, 2010, Foto: Wolfgang Thaler


Der Guide zur Brachfläche am Nordbahnhof, Wien liegt während der Ausstellungsdauer im Foyer der Secession und in der Gebietsbetreuung im 2. Bezirk (Max-Winter-Platz 23) auf. Er lädt die BesucherInnen ein, das Gebiet am Wiener Nordbahnhof zu erkunden und sich ihr eigenes Bild zu machen. Aber: „Auch wer niemals zum Nordbahnhof fährt, weiß jetzt, dass diese Brachfläche existiert und kennt ihre spezifischen Details.“, so die Künstlerin. Lara Almarcegui macht sichtbar, was sonst nicht bedacht, gesehen, bemerkt wird. Sie dekonstruiert, um freizulegen, ein Blick auf die Utopie der Zukunft eingeschlossen. Wenn Lara Almarcegui mit Bauschutt Hauptraum Secession (2010) eine Bestandsaufnahme der zur Konstruktion des Hauptraums verwendeten Baumaterialien vornimmt, indem sie Haufen dieser Materialien – allesamt aus Recycling-Prozessen – aufschüttet, ist eine Vision der zukünftigen Nutzung mitgedacht. Der auratische Ausstellungsraum wird in formlose Aufschüttungen umgestaltet. Was würde mit den Tonnen von Beton, Holz, Terrazzo, Ziegel, Mörtel, Glas, Gips, Styropor und Stahl passieren, wenn sie wieder in den Kreislauf der Bauindustrie zurückkehren? Welche neuen Konstruktionen entstünden aus den Materialien, die den Hauptraum der Secession heute ausmachen?

Lara Almarcegui entwickelt damit frühere Arbeiten weiter. Im Jahr 2003 hat sie so das FRAC-Gebäude in Dijon analysiert und mit neuwertigen Materialien repräsentiert. Im Jahr 2006 hat sie die gesamte Stadt São Paulo in Baumaterialien aufgewogen und als Auflistung bei der São Paulo Biennale ausgestellt. Eine Verdichtung von gründlich recherchierten Fakten auf einem Blatt Papier, dessen Zahleninformation die Verwobenheit einer ganzen Stadt in sich trägt. Gebäude, Flächen und Materialien als Träger nicht nur der Baustruktur, sondern eines sie füllenden, auch mit Sinn füllenden Organismus an sozialen Strukturen.


Lara Almarcegui, Installationsansicht: Abtragen des Parkettbodens, Grafisches Kabinett Secession, Fotos: Oliver Ottenschläger Lara Almarcegui, Installationsansicht: Abtragen des Parkettbodens, Grafisches Kabinett Secession, Fotos: Oliver Ottenschläger
Lara Almarcegui, Installationsansicht: Abtragen des Parkettbodens, Grafisches Kabinett Secession, 2010, Fotos: Oliver Ottenschläger


Eine poetische Arbeit wartet auf die BesucherInnen im Grafischen Kabinett. Auch hier wurde freigelegt; leise und ohne Öffentlichkeit geschah das Abtragen des Parkettbodens, Grafisches Kabinett (2010) und dessen Rekonstruierung. „Die Frage war nicht, was ich tun könnte, um diesen bestimmten Ort etwa zu verbessern, sondern was ich von ihm lernen kann.“, so die Künstlerin. Hier bleibt die Dokumentation eines nahezu unsichtbaren Prozesses und die Erkenntnis, dass sich die BesucherInnen genau an, auf jenem Ort befinden. Die Umlenkung des Blicks erfolgt auf das darunter Liegende, auf das nun nicht mehr zugegriffen werden kann, und auf einen Prozess, der abgeschlossen und trotzdem präsent ist.

Mit der aktuellen Ausstellung in der Secession schlägt Lara Almarcegui einen Bogen von außen nach innen, von innen nach weiter innen. So entsteht eine Dialektik der Sichtbarkeit und eine Dynamik, die auch die alltäglichen Prozesse im urbanen Raum prägen. Was Lara Almarcegui über ihre Arbeit im Grafischen Kabinett sagt, könnte für die Ausstellung allgemein gelten: „Ich arbeite draußen in der Stadt und beginne, mich dem Ausstellungsraum kritisch anzunähern. Den Boden zu entfernen ist meine Art, mehr über den Ort zu erfahren, den Raum mit dem Gebäude in Verbindung zu bringen, den Materialien, der Vergangenheit und der städtischen Struktur.“

Kuratiert von Jeanette Pacher und Annette Südbeck


WERKE IN DER AUSSTELLUNG
Brachflächen am Nordbahnhof, Wien / Wastelands at Nordbahnhof, Vienna, 2010
Bauschutt Hauptraum Secession / Construction Rubble of Secession's Main Hall, 2010
Abtragen des Parkettbodens, Grafisches Kabinett Secession / Removal of the Wooden Floor, Grafisches Kabinett Secession, 2010


KATALOG

Katalog LARA ALMARCEGUI

96 Seiten, Format: 16,5 x 22,2 cm, ca. 80 Farbabbildungen
Texte: Lara Almarcegui, Anna Minton, dt./engl.
Secession 2010, ISBN 978-3-902592-34-7
Vertrieb: Revolver Verlag
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Erhältlich im Shop


LARA ALMARCEGUI
Lara Almarcegui (*1972 in Zaragoza) lebt und arbeitet in Rotterdam.

Einzelausstellungen (Auswahl)
2010
Lara Almarcegui, Secession, Wien / Vienna
Lara Almarcegui, LUDLOW 38, New York
Art Basel: Statements, Ellen de Bruijne Projects, Basel

2008
Ruinas de Holanda, Pepe Cobo Gallery, Madrid
Ruins in Nederlands, Ellen de Bruijne Projects, Amsterdam
Guide to the wastelands of the Bilbao river estuary, Sala Rekalde, Bilbao

2007
Lara Almarcegui, CGAC-Centro Galego de Arte Contemporánea, Santiago de Compostela
Lara Almarcegui, La Box ENSA, Bourges
Lara Almarcegui, CAC-Centro de Arte Contemporáneo, Málaga

2004
Lara Almarcegui, FRAC-Fonds régional d'art contemporain de Bourgogne, Dijon

2003
Lara Almarcegui, INDEX-The Swedish Contemporary Art Foundation, Stockholm
Lara Almarcegui, Centre D’Art Le Grand Café, Saint-Nazaire


Gruppenausstellungen (Auswahl)
2010
Taipei Biennale 2010, Taipei Fine Arts Museum, Taipeh / Taipei
Portscapes, Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam
The Garden of Forking Paths, Akbank Sanat, Istanbul
El Angel Exterminador – A Room for Spanish Contemporary Art, Palais des Beaux-Arts, Brüssel / Brussels
MADRID ABIERTO 2010, Madrid

2009
3rd Moscow Biennale of Contemporary Art, Moskau / Moscow
Utopie und Monument, Steirischer Herbst, Graz
Flüchtige Zeiten, Westfälischer Kunstverein, Münster
5x5Castelló09, Espai d’art contemporani de Castello, Castello
Radical Nature - Art and Architecture for a Changing Planet 1969-2009, Barbican Art Center, London
Athens Splendid Isolation, 2nd Athens Biennale, Athen / Athens
Monument to transformation, City Gallery / tranzit.cz, Prag / Prague
Flux/S, Eindhoven

2008
(A)Pesanteur, Récits Sans Gravité, FRAC-Fonds régional d'art contemporain de Lorraine, Metz
Taipei Biennale 2008, Taipei Fine Arts Museum, Taipeh / Taipei
Annual Report: A Year In Exhibitions, 7th Gwangju Biennale, Gwangju
The Museum as Medium, MARCO-Museo de Arte Contemporánea de Vigo
5th Lofoten International Art Festival, Svolvaer
Matiere à Paysage, Biennale de la Seine, La Gallerie, Noissy-le-Sec
Greenwashing: Environment: Perils, Promises and Perplexities, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Turin
Estratos, PAC-Proyecto Arte Contemporáneo, Murcia

2007
Existencias, MUSAC-Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León
Mimetic, Centre d´art de l´Yonne, Auxerre
Sharjah Art Biennial 8: Still life, Art, Ecology and Politics of Change, Sharjah Art Museum, Sharjah
Mapas, Cosmogonias e Puntos de Referencia, CGAC - Centro Galego de Arte Contemporánea, Santiago de Compostela

2006
The Unhomely: Phantom Scenes in Global Society, BIACS 2nd - Bienal Internacional de Arte Contemporáneo de Sevilla, Sevilla
Frieze Projects, 4th Frieze Art Fair, London
Como viver junto - How to live together, 27 Bienniale of São Paulo, São Paulo
Theater of Life, Galeria Civica d’arte Contemporanea, Trient / Trento

2005
Buenos Dias Santiago, MAC-Museo de Arte Contemporáneo, Santiago de Chile
Project Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam
Le Génie du lieu, FRAC-Fonds régional d'art contemporain de Bourgogne, Dijon
Offentlig Handling (Public Ac)t. Lara Almarcegui, Sean Snyder, Darius Ziura, Åsa Sonjasdotter, Lunds Konsthall, Lund

2004
3rd Liverpool Biennial 2004, Liverpool
Common Property / Allgemeingut, 6. Werkleitz Biennale, Halle
Le proche et le lointain, Domaine de Kerguéhennec, Bignan
LAB, Kröller Müller Museum, Otterlo
Catastrofi Minime, MAN-Museo di Arte Provincia di Nuoro, Nuoro


Projekte im öffentlichen Raum
2009
Evento 2009: Collective Intimacy, Bordeaux

2008
One Day Sculpture, Wellington
Village Green, PAV-Parc Arte Vivente, Turin

2005
Delicious, Sint-Truiden

2006
Het braakliggend terrein van de Norfolkline open voor het publiek, Den Haag

2003
Allotment Gardens, Urban Festival, Zagreb
Een brakliggend terrein, Rijkswaterstadt, Rotterdam

2002
Wastelands Tour, British Architectural Week, Liverpool
Lost Past, Ypern / Ypres

2000
Opening of a wasteland, Container Project Nicc, Brüssel / Brussels


Guides
2010
Guide to the wastelands of Flushing river, Queens, New York City, hrsg. von / edited by Ludlow 38, Goethe Institute New York, European Kunsthalle, Köln / Cologne

2009
Guide to the Wastelands of the Lea Valley, 12 Empty Spaces Await the London Olympics, hrsg. von / edited by Barbican Art Centre, London
Ruins in Bourgogne XIX-XXI, hrsg. von / edited by Le Press du Réel & FRAC Bourgogne, Dijon
Wastelands of the Port of Rotterdam, hrsg. von / edited by SKOR, Amsterdam& Port of Rotterdam Authority
A wasteland on the banks of the Ebro River, Zaragoza, hrsg. von / edited by CDAN, Huesca
A Wasteland in the Shenzhen River, hrsg. von / edited by Shenzhen Hong Kong, Bi-City Biennale of Urbanism / Architecture

2008
Ruins in the Netherlands XIX- XXI, hrsg. von / edited by Episode Publishers, Rotterdam
Guide to the wastelands along the Bilbao River Estuary, hrsg. von / edited by Sala Rekalde, Bilbao
An empty terrain in the Danshui River, Taipei, hrsg. von / edited by Taipei Biennale

2007
Guide to Al Khan, An empty village in the city of Sharjah, hrsg. von / edited by Sharjah Art Biennial
An Invitation to Visit the Fontiñas Wasteland before its Construction, hrsg. von / edited by CGAC, Santiago de Compostela

2006
Guide to the wastelands of São Paulo, a selection of the most interesting empty places in the city, hrsg. von / edited by Biennial São Paulo

1999
Wastelands Map Amsterdam, a guide to the empty sites of the city, hrsg. von / edited by Stedelijk Museum Bureau, Amsterdam


Weiterführende Informationen/Links:
Morton, Tom “City Limits: Lara Almarcegui” in: FRIEZE. Contemporary Art and Culture. Berlin, 108/ Summer 2007
Galerie Ellen de Bruijne Project, siehe: http://www.edbprojects.nl/?lara-almarcegui,162
Brodie, Jane / Llorca, Pablo “Lara Almarcegui. Galeria Pepe Cobo“ in: ART FORUM, Februar 2009, siehe: http://findarticles.com/p/articles/mi_m0268/is_6_47/ai_n48839758/
www.annaminton.com



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