Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009
Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009


Eine Bodenlandschaft aus Teppichen mit floralen und abstrakt-ornamentalen Mustern in zarten Pastelltönen breitet sich im lichtdurchfluteten White Cube der Secession aus. Die großformatigen, asymmetrischen Teppiche liegen auf unterschiedlich hohen und sowohl horizontal als auch vertikal schiefwinkeligen Podesten, die die Funktionalität der getufteten Teppiche als Gebrauchsobjekte infrage stellen und diese gleichzeitig in den Status eines autonomen Kunstwerks zu erheben scheinen. Auf und neben den Teppichen ist eine Vielzahl fragiler Sonnenschirmchen mit unterschiedlich gemusterten Stoffbespannungen arrangiert. Die Seitenwände zieren Wandgestaltungen, deren filigrane Muster und Farbpalette die Handschrift des Künstlers Marc Camille Chaimowicz verraten. Ein Theatervorhang sowie der Mies van der Rohe gewidmete Curtain (For MvdR) der letzten Berlin Biennale (2008) setzen vertikale Akzente im Raum. Locker verteilt sind einige Möbelstücke und ein Gemälde in zehn Teilen ...


Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009
Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009


In diesem speziell für die Secession geschaffenen Interieur aus vornehmlich neu produzierten Arbeiten ist die Quintessenz eines facettenreichen künstlerischen Schaffens enthalten. Ausgehend von Performances und Installationen in den 1970er-Jahren bis hin zu Entwürfen für Möbel, Keramiken und Muster für seriell produzierte Gebrauchsgegenstände entwickelte Marc Camille Chaimowicz im Lauf der letzten vier Jahrzehnte eine unverkennbare Formensprache und künstlerische Handschrift. Das Bekenntnis zu Schönheit und Leichtigkeit, Eleganz und kultiviertem Lebensstil kommt in seiner Vorliebe für elegant geschwungene Linien, grazile Formen und seiner charakteristischen Farbpalette aus zarten Pastelltönen zum Ausdruck. In dieser Vorliebe für „Zwischentöne“ spiegelt sich die Ambiguität des künstlerischen Werkes wider, das immer irgendwie „dazwischen“ angesiedelt ist.


Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009
Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009


Chaimowicz löst in den wie er es nennt, „Choreografien“ das hierarchische Verhältnis zwischen angewandter und bildender Kunst lustvoll auf. Seine Musterentwürfe scheinen dem malerischen Vokabular der Moderne, insbesondere der französischen Malerei, deren Erbe er sich verbunden fühlt, zu entstammen. Ihren Einsatz finden sie als Muster für Tapeten, Teppiche und textile Produkte. Sie überziehen aber wie in der Secession auch ganze Wände oder finden sich als gestalterische Elemente in seinen Publikationen. Seine Möbelskulpturen bewegen sich an der nicht immer eindeutig entscheidbaren Grenze zwischen Gebrauchs- und Kunstobjekt. Besonders deutlich wird das in der Ausstellung an den beiden Frisierkommoden Deux coiffeuses (peut-être pour adolescents), l’une habillée, l’une pas (2008), aber auch an Dual, einer Art Wendemöbel, das einerseits eine Liege und andererseits, um 90 Grad gewendet, ein Armlehnensessel ist.


Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009
Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009


Für seine aktuelle Ausstellung in der Secession bezieht sich Chaimowicz ganz bewusst auf einen längeren Aufenthalt in Wien im Jahr 1982 im Rahmen des Humanic-Artist-in-Residence-Programms. Seine Auseinandersetzung mit dem Kunsthandwerk der Wiener Werkstätte sowie der Wiener Architektur gaben ihm damals wichtige Anregungen. Das aus dieser Zeit stammende und in der Ausstellung vertretene Vienna Tryptich, Leaning ... and Surrounded by Chorus Girls and Sentinels ... (1982) ist in der formalen Reduktion auf die zweidimensionale Fläche paradigmatisch für seine Entwicklung hin zu formal-ästhetisch verdichteten Werken und Raumkompositionen.


Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009
Marc Camille Chaimowicz, Installationsansicht, Secession 2009


In den 1970er-Jahren schuf Chaimowicz Environments, die ihre ästhetische Formensprache aus der Kunstgeschichte sowie dem popkulturellen Repertoire des Glam-Rock bezogen: Diskokugeln, Scheinwerfer, Lichterketten, Popmusik einerseits und symbolisch aufgeladene Elemente aus der Kunstgeschichte wie Spiegel und Blumen andererseits kamen z. B. für Celebration? Realife und Enough Tiranny (beide 1972) zum Einsatz. Zusammen mit seinen Performances standen diese Werke im Gegensatz zur puristischen Repräsentation der Konzeptkunst und Minimal Art und machen ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der britischen Sub-Hochkultur der 1970er-Jahre.

Seine künstlerische Entwicklung ist in engem Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre zu sehen. Die Studentenrevolte 1968, die Chaimowicz in Paris unmittelbar erlebt hat, hat seine künstlerische Entwicklung beeinflusst. Nicht die politische Linke Großbritanniens, die Chaimowicz zunächst interessiert beobachtet, aber bald als autoritär und dogmatisch abgelehnt hatte, sondern der Feminismus und die homosexuelle Befreiungsbewegung (Gay Liberation Movement) wurden ihm wichtige Inspirationsquellen. Als radikaler emanzipatorischer Schritt kann seine künstlerische Auseinandersetzung in den frühen 1970er-Jahren mit dem Privaten/Öffentlichen und der Domäne des Häuslichen, die traditionell weiblich konnotiert war, gelesen werden.

Die Betonung auch im Ausstellungskontext, dass KünstlerInnen nicht in einem hermetisch von der Außenwelt abgeschlossenen sozio-politischen Vakuum arbeiten, bringt Chaimowicz gelegentlich durch die Einladung von GastkünstlerInnen zum Ausdruck. In die Secession hat er den von ihm hochgeschätzten Wiener Architekten Hermann Czech sowie den jungen britischen Künstler Simon Thompson eingeladen.



Marc Camille Chaimowicz, geboren im Paris der Nachkriegszeit, lebt und arbeitet in London und im Burgund.


Ausstellungsgespräch
Samstag, 23. 1. 2010, 16 Uhr

Marc Camille Chaimowicz im Gespräch mit Anette Freudenberger.
Eine Veranstaltung der Freunde der Secession.



Katalog

Katalog MARC CAMILLE CHAIMOWICZ, A Folio for Secession

Künstlermappe mit fünf Musterblättern, einem Brief von Marc Camille Chaimowicz als Faksimile sowie einem Text von Silvia Eiblmayr (dt./engl. und fr./engl.). Produziert von der Secession Wien, herausgegeben in Kooperation mit dem Musée La Piscine, Roubaix.
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Erhältlich im Shop




Katalog NOTIZBÜCHER

Marc Camille Chaimowicz
limitierte Edition - je 80 Stück, mit Goldprägung
klein - mit Gummiband, mittelgross, gross mit Spiralbindung
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Einzelausstellungen (Auswahl)
2009 Enough Tiranny Recalled, 1972-2009, Artists Space, New York; We Chose Our Words With Care, (…), Overduin and Kite, Los Angeles; Dressed & Undressed, Triple V, Dijon; 2008 Some Ways by which to Live…, Frac Aquitaine, Bordeaux; …In The Cherished Compagny of Others…, De Appel, Amsterdam (mit weiteren Stationen); Kunstmuseum Aan Zee, Ostende; …opera designs per il teatro di S.Carlo…, Fonti Gallery, Neapel; 2007 Featuring Enough Tyranny Recalled, Galerie Giti Nourbakhsch, Berlin; Summer’s Song…, Centre d’Art Contemporain La Sinagogue de Delme; 2006 Zürich Suite, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich; 2005 Marc Camille Chaimowicz, Kunstverein für Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf; Concertina, Giti Nourbakhsch Galerie, Berlin; 2004 Jean Cocteau, Angel Row Gallery, Nottingham; 2003 Jean Cocteau, Norwich Gallery, Norwich; Une Exposition pour Cluny, Ecuries de Saint-Hugues, Cluny; Cabinet Apartment, Cabinet, London.

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2009 Entre deux actes – Loge de comedienne, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Baden-Baden; Two Horizons, Works from the collections of Charles Asprey & Alexander Schroder, Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh; 2008 GSK Contemporary, Royal Academy of Arts, London; BB5, 5th Berlin Biennal, Berlin; 2007 The Secret Public, the last days of the British Underground 1978-1988, ICA, London; RAW, Among Ruins, Marres Centre for Contemporary Culture, Maastricht; 2006 The Secret Public, the last days of the British Underground 1978-1988, Kunstverein, München; The subversive charm of the bourgeoisie, Vanabben Museum, Eindhoven; Tate Triennial 2006 New British Art, Tate Britain, London; 2005 Le Voyage Intèrieur Paris-London, Espace EDF Electra, Paris; 2004 It’s All An Illusion: A Sculpture Project, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich; 2003 On General Release, Institute of Visual Culture, Cambridge; 2002 The Rule of Hospitality, Galerie Neu, Berlin (kuratiert von Cabinet); International Portrait Gallery, Flourish Nights, Glasgow; St. Petrischnee, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich; 2001 Hôtel Sub Rosa, Cabinet, London; 2000 Live In Your Head, The Whitechapel Art Gallery, London; Celebration? Realife Revisited, 1972/2000, I Love Dijon, Le Consortium, Dijon.


Ausstellungsansichten: Wolfgang Thaler



Dank
Die Secession dankt Marc Camille Chaimowicz, Hermann Czech und Simon Thompson sowie den Leihgebern für die freundliche Unterstützung:
Bloomberg SPACE, London; Cabinet, London; Galerie Giti Nourbakhsch, Berlin; Gabriele Anton Sarl und Anastasia Denoux, Metz.

Die Secession wird unterstützt von:
Erste Bank – Partner der Secession
Wien Kultur
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
Die Freunde der Secession

Kooperations-, Medienpartner, Sachsponsoren:
Der Standard
Ö1 Club
Silver Server
hs art service austria GmbH
Trumer Privatbrauerei
VIENNA ART WEEK 2009



MICHAEL ASHKIN     MONA VĂTĂMANU & FLORIN TUDOR AUSSTELLUNGSPROGRAMM 2009



Für weitere Informationen, Presse- und Fotomaterial wenden Sie sich bitte an:
 
Tamara Schwarzmayr
Secession, Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Tel: +43-1-5875307-10, Fax: +43-1-5875307-34
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