Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006
Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006


Individuelle Erfahrung und statistische Berechnung – das sind die Pole, zwischen denen sich Ende des 19. Jahrhunderts eine Debatte abspielte, die über ihren philosophischen Gehalt hinaus das politische Denken der Zeit ebenso beeinflusste wie die Durchsetzung modernistischer Kunst. Wenn Clegg & Guttmann in der Secession diese Diskussion anhand der Positionen Ernst Machs und Ludwig Boltzmanns rekonstruieren, hat dies unmittelbar mit der Geschichte des Hauses zu tun – nicht im Sinne einer retrospektiven Darstellung, sondern als Einladung, sich Aspekten der Debatten des Wiener Kreises mit dem eigenen Leibe auszusetzen: Acht Stationen bieten Übungen an, die auf die Problemstellungen referieren, zu denen ein Künstlerbuch wissenschaftliche, historische und intellektuelle Hintergründe liefert.


Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006
Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006


Die Ausstellung schließt an frühere Arbeiten des Künstlerduos an, bei denen sich Funktionen und Funktionalisierungen historischer, öffentlicher und institutioneller Räume überschnitten. Ob sie Strukturen des ersten internationalen zionistischen Kongresses rekonstruieren, für Berlin ein Monument for Historical Change entwerfen oder Bibliotheken einrichten, die unkontrolliert zugänglich sind: Sie nehmen in jedem Fall die BetrachterInnen als BenutzerInnen ihrer Arbeiten in die Pflicht, sich diese Orte als historische und öffentliche anzueignen.


Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006
Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006


So auch in der Secession: Die Ausstellung von Clegg & Guttmann ist – um Ernst Machs Begrifflichkeit zu benutzen – eine ideelle Konstruktion, bestehend aus einer räumlichen und zeitlichen Komposition in acht Teilen. Aus der Sichtweise von Ludwig Boltzmann wiederum lässt sie sich als eine vom frühen Modernismus angeregte Abfolge von Wahrnehmungsübungen verstehen, die die kognitiv-emotionelle Versöhnung mit dem Chaos zu fördern suchen. Die Installation kann wie ein Parcours verstanden werden: Manche der Übungen wenden sich an Einzelpersonen, die sich beipielsweise am Schlagzeug dem Rhythmus einer Maschine anpassen oder verweigern können; andere sind in Gruppen durchzuführen, wenn etwa das „Gefangenendilemma“ mit dem eigenen Körper als Spielfigur nachgestellt werden kann.


Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006
Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006


Die Secession selbst hatte Teil an den Auseinandersetzungen, die Thema der Ausstellung sind: Wenn Clegg & Guttmann die Debatten zwischen Mach und Boltzmann nachzeichnen, so benennen sie damit auch jene modernistischen Kontexte, die sich um die Jahrhundertwende in Absetzung von der Gesellschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie gebildet hatten und die auch zu der künstlerischen Abspaltung führten, der die Secession ihre Existenz verdankt. In dieser Hinsicht kann die Ausstellung und auch ihr Ort wie ein historisches Drama, als animierte Präsentation der Entstehung früher modernistischer Philosophie als bedeutungstragende Episode der Wiener Geschichte gelesen werden. Darüber hinaus wird ein spezieller Blickwinkel auf die Gestaltung, Architektur- und Institutionsgeschichte des Ausstellungshauses eröffnet und ein Kontext vorgestellt, in dem Mitglieder wie Klimt, Schiele und Hoffmann ihre künstlerische Sprache entwickelt haben. Neben der Installation zeigen Clegg & Guttmann mehrere Videos, in denen Texte von Mach, Boltzmann, Weininger, Kafka, Musil, Kraus, Loos und anderen von zeitgenössischen Wiener Kulturschaffenden vorgetragen werden.


Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006
Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006


Die Konsequenz aus den widersprüchlichen und dennoch zutreffenden Beschreibungen von Wirklichkeit sind die verschiedenen Wahrnehmungsweisen und daraus resultierenden Entscheidungsstrukturen, die bestimmen, wie im Alltag und politisch gehandelt wird. Clegg & Guttmann schreiben dazu: “A hundred years or so after the beginning of modernism we find ourselves deeply uncertain about what answers to give the most basic questions of ethics, aesthetics and politics. The existing ideologies seem unsatisfactory, leaving too much unsaid, the cultural agenda, conflicted and inconclusive. Perhaps an act of self-reflection on the origins of the current state of affairs might bring us closer to an insight concerning our identity thus providing us with invaluable tool to investigate where to go next.”


Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006
Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006


AUDIOGUIDE mit Instruktionen zu den 9 Stationen:
02.mp3    04.mp3    06.mp3    08.mp3    10.mp3    12.mp3    14.mp3    16.mp3    18.mp3


PUBLIKATION

Katalog CLEGG & GUTTMANN

124 Seiten, 10 Farbabbildungen, 26 SW Abbildungen
Secession 2008, ISBN 978-3-901926-91-7

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Erhältlich im Shop


Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006
Clegg & Guttmann, MACH VS. BOLTZMANN, 2006


AUSSTELLUNGSGESPRÄCH
mit Michael Clegg, Martin Guttmann und Martin Prinzhorn
Donnerstag, 2. 3. 2006, 18 Uhr
Eine Veranstaltung der Freunde der Secession.


Clegg & Guttmann, study for an exhibition installation, 2006
Clegg & Guttmann, study for an exhibition installation, 2006


MICHAEL CLEGG, geb. 1957, und MARTIN GUTTMANN, geb. 1957, leben und arbeiten in New York, Berlin und Wien.
AUSSTELLUNGEN (Auswahl): 2005 Good Timing, Georg Kargl Fine Arts, Wien; 2004; Vienna Coffee Table, galerie bernhard knaus, Mannheim; 2003 Yesterday begins tomorrow, Deste Foundation, Centre for Contemporary Art, Atenas; Bright Lights, Big City, David Zwirner, New York; Clegg&Guttmann Decomposition - Reconstitution Berlin - Psychogeographical Map; Galerie Christian Nagel, Berlin; 2002 Art & Economy - Gemeinschaftsprojekt mit dem Siemens Arts Program, Deichtorhallen, Hamburg; 2001 Miroirs (Des usages de la photographie), Mamco - musée d´art moderne et contemporain, Genf; Clegg & Guttmann Minister und Senatoren, Politische Physiognomische Fragmente, Galerie Christian Nagel, Köln; Vom Eindruck zum Ausdruck - Grässlin Collection, Deichtorhallen, Hamburg; Remake Berlin, NBK - Neuer Berliner Kunstverein, Berlin.




Clegg & Guttmann, study for an exhibition installation, 2006


Ausstellungsansichten: Matthias Herrmann



Die Ausstellungen werden produziert mit Unterstützung von:
Erste Bank – Partner der Secession
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
Wien Kultur
Die Freunde der Secession



MAJA VUKOJE     LONE HAUGAARD MADSEN AUSSTELLUNGSPROGRAMM 2006



Für weitere Informationen, Presse- und Fotomaterial wenden Sie sich bitte an:
 
Tamara Schwarzmayr
Secession, Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Tel: +43-1-5875307-10, Fax: +43-1-5875307-34
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