Dave Hullfish Bailey, ELEVATOR, Secession 2006
Dave Hullfish Bailey, ELEVATOR, Secession 2006


Kaum hatte Dave Hullfish Bailey im September 2001 mit der Installation seines schon lange geplanten Projekts Schindler Shelter – einem „temporären Katastrophenspielplatz“ in und um das von Rudolf Schindler in Los Angeles erbaute Schindler Haus – begonnen, ließen die Terroranschläge von 9/11 eine fast unheimliche Analogie zu einem sehr zentralen Thema in Baileys künstlerischer Praxis erkennen: die zumindest zeitweise Aufhebung und Desorganisation sozialer Strukturen in Folge von Katastrophen wie Terroranschlägen, Erdbeben oder Überschwemmungen sowie die vorübergehende Neukonfiguration der Gemeinschaften jenseits von Ethnizität, Religion oder politischer Orientierung.


Dave Hullfish Bailey, ELEVATOR, Secession 2006
Dave Hullfish Bailey, ELEVATOR, Secession 2006


Vier Tage lang sollte der „Katastrophenspielplatz“ bis zu 70 Menschen einen „post-apokalyptischen Zufluchtsort“ bieten, um gemeinsam die zum Überleben notwendigen Arbeiten (wie Kochen, den Bau von Schlafstätten etc.) in einer Ausnahmesituation zu meistern. Vor dem Hintergrund der ursprünglichen Idee Rudolf Schindlers, ein Leben in Harmonie mit der Natur zu führen, untersuchte Bailey, wie man die Momente der extremen Beweglichkeit und des Ungleichgewichts in der Natur auf die temporäre Neuordnung von Gemeinschaftsbeziehungen anwenden kann.


Dave Hullfish Bailey, ELEVATOR, Secession 2006
Dave Hullfish Bailey, ELEVATOR, Secession 2006


In der Galerie der Secession zeigt Bailey Arbeiten, die sich mit den industriellen Mechanismen der Einlagerung von Getreide in Großsilos befassen und zudem auszuloten versuchen, inwiefern diese Schnittstelle von Agrarprodukten und deren moderner maschineller Weiterverarbeitung als Metapher für Möglichkeiten gesellschaftlicher Strukturen fungieren kann.


Dave Hullfish Bailey, ELEVATOR, Secession 2006
Dave Hullfish Bailey, ELEVATOR, Secession 2006


Baileys Ausstellung in der Secession ist eine soziale Untersuchung, die auf Begriffe von Instabilität und Konflikt referiert, die durch das Ordnen und Durcheinanderbringen von Informationen erzeugt werden. In dem Video im Kreuzraum dokumentiert Bailey die Arbeitsprozesse von Getreidehebern in einem der fünf großen Silos am Alberner Hafen in Wien. Bailey beobachtete, dass die Struktur des Getreidekorns vom Mikro- bis in den Makrobereich vergleichbar der des Individuums in einer Gruppe ist. Die einzelnen Verarbeitungsprozesse und Reaktionen der Körner erzeugen durch gegenseitige Reibung Feinstaub, der im richtigen Mischungsverhältnis mit Luft gewaltige Explosionen verursachen kann.



Dave Hullfish Bailey, ELEVATOR, Secession 2006


In der Instabilität des Staubes als ungewolltes Neben- und Abfallprodukt des Aufeinandertreffens von Landwirtschaft und industrieller Produktion sieht Bailey ein Modell des sozialen Zerfalls mit revolutionärem Potential. Die Staubexplosion kann als Moment des Kontrollverlusts und der Entbindung gelesen werden.


Archiv: Silo Wien / Albern, 1960
Archiv: Silo Wien / Albern, 1960


Dass die Secession während des zweiten Weltkrieges kurzfristig auch als Getreidesilo zweckentfremdet wurde, verleiht der Ausstellung von Dave Hullfish Bailey nicht nur einen ironischen Unterton, sondern schafft auch eine Analogie zur Entstehungsgeschichte des Hauses: Die Abspaltung der Secessionisten von der Gesellschaft Österreichischer Bildender Künstler des Künstlerhauses1897 wird durch das eigene Ausstellungshaus nach Entwürfen von Joseph Maria Olbrich symbolisiert. Gleichzeitig repräsentiert das Gebäude der KünstlerInnenvereinigung einen entscheidenden Augenblick in den gesellschaftlichen Veränderungen, die zu dieser Zeit in Wien stattfanden, als die Neuerungen der modernen Architektur gegen den Historismus einer vergangenen Ära standen.


Dave Hullfish Bailey, o.T., 2005
Dave Hullfish Bailey, o.T., 2005


Neben dem Video zeigt Bailey in Zeichnungen und Skulpturen „unbeabsichtigte Kombinationen“ von Alltagssprache, Wissenschaft und Theorie. Diese stehen für jene neuen Gesellschaftstrukturen, die sich nach einem Totalkollaps formieren können. Indem er Worte, Tatsachen und Theorien als bildhauerische Materialien behandelt, trennt Bailey Zeichen von Bezeichnetem, Klang von Schreibweise, Ereignis von Interpretation.


Dave Hullfish Bailey, o.T. (film still), 2005


Dave Hullfish Bailey, o.T. (film still), 2005


Dave Hullfish Bailey, o.T. (film still), 2005


Dave Hullfish Bailey, o.T. (film still), 2005
Dave Hullfish Bailey, o.T. (film stills), 2005


PUBLIKATION

Katalog DAVE HULLFISH BAILEY

104 Seiten, 136 Farbabbildungen
Texte: Emily Pethick, Susanne Neuburger, Dave Hullfish Bailey
Secession 2006, ISBN 3-901926-95-X
ab 1.1.2007 ISBN 978-3-901926-95-2

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Erhältlich im Shop


AUSSTELLUNGSGESPRÄCH
Donnerstag, 4. 5. 2006, 18 Uhr
mit Dave Hullfish Bailey und Emily Pethick
Eine Veranstaltung der Freunde der Secession.


DAVE HULLFISH BAILEY, geb. 1963, lebt und arbeitet in Los Angeles. AUSSTELLUNGEN (Auswahl): 2005 Bastard Science, Daniel Hug Gallery, Los Angeles; University of Queensland Art Museum, Brisbane; The Lateral Slip, Sweeney Art Gallery, University of California; 2004 Banding Station, IBID Projects, London; Socle du Monde, Herning Kunstmuseum; Groundhog Day, David Pestorius Gallery, Brisbane; Kommando Pfannenkuchen, Daniel Hug Gallery, Los Angeles; Spacemakers, Lothringer Dreizehn, München; 2003 World Watchers, NGBK – Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin; Book Trade, Centre d’édition contemporaine, Genf; Rent-a-Bench, Trapholt Kunstmuseum, Kolding; Affinity Archive, The Metropolitan Complex, Dublin; 2002; Schindler Shelter, Parkhaus im Malkasten, Düsseldorf; Rent-a-Bench, public spaces in Los Angeles; Perspective 2002, Ormeau Baths Gallery, Belfast; Layered Histories, Verein Berliner Künstler, Staatsbank, Berlin; Heaven Knows I’m Miserable Now, Low Gallery, Los Angeles; Charley, P.S. 1 Center for Contemporary Art; 2001 20/35 Vision, MAK Center for Art and Architecture at the Schindler House, Los Angeles; New Settlements, Nikolaj Contemporary Art Center, Kopenhagen, Copenhagen; Stone Soup, Three Day Weekend, Los Angeles; 2000 Urban Hyms, California State University, Los Angeles.


Installationsansichten: Hannes Böck



Die Ausstellung wurde unterstützt von: J & E Bruck GesmbH, Silo Wien / Albern

Die Ausstellungen werden produziert mit Unterstützung von:
Erste Bank – Partner der Secession
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
Wien Kultur
Die Freunde der Secession



STEFAN SANDNER     KRISTINA LEKO AUSSTELLUNGSPROGRAMM 2006



Für weitere Informationen, Presse- und Fotomaterial wenden Sie sich bitte an:
 
Tamara Schwarzmayr
Secession, Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Tel: +43-1-5875307-10, Fax: +43-1-5875307-34
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