Charline von Heyl, Secession 2004, Photo: Pez Hejduk
Gäbe es eine allgemeine
Theorie der Gesten, eine semiologische Disziplin, welche gestatten würde,
Gesten zu entziffern, dann wäre Kunstkritik nicht, wie heute, eine Sache
der Empirie oder der "Intuition" oder ein kausales Wegerklären
der ästhetischen Phänomene, sondern eine exakte Analyse der zu Gemälden
erstarrten Gesten. In Ermangelung einer solchen "Choreographologie"
ist es vielleicht die bessere Strategie, die Geste selbst zu beobachten, so wie
sie sich konkret vor uns und daher in uns ereignet: als ein Exempel der Freiheit.
Vilem Flusser
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Charline von Heyl, Secession 2004, Photo: Pez Hejduk
Ausgangspunkt der Bildproduktion Charline von Heyls ist der malerische Schaffensprozess
und die Frage nach den Mitteln der Malerei. Charakteristisch für ihre aus
Gesten und Bewegungen entwickelte Bildsprache ist dabei, dass sich ihre Aktionen
- im Gegensatz zum europäischen und amerikanischen abstrakten Expressionismus
- weder als Zeichen oder Schrift formulieren, noch der Pinselstrich selbst zum
Motiv erhoben wird. Nicht die Materialität des Werkzeugs oder sein Einsatz
als Verlängerung des Körpers, sondern die dahinterstehende Bewegung,
die Bewegung der Entscheidungen, ist das eigentliche Thema ihrer Bilder. Die vielfältigen,
oftmals widersprüchlichen Schritte zur Bildfindung und Bildwerdung sind in
jedem Werk präsent.
Palomino, 2003, Collection Suzanne and Jacob Doft, New York,
Courtesy Friedrich Petzel Gallery, New York
Für ihre Ausstellung in der Secession kombiniert Charline von Heyl Gemälde
und Zeichnungen des letzten Jahres. Die Zeichnungen - schwarz-weiße Collagen,
in denen Fragmente gefundener Zeichnungen und Fotos ausgewählt, kopiert,
zusammengeklebt und mit Tuschzeichnungen kombiniert zu rhythmisierten Strukturen
verarbeitet werden - sprechen eine schnellere und direktere Sprache, verbinden
in ihrer Vitalität und Dramatik jedoch ebenso wie die Malerei große
Spontaneität mit einer kalkulierten Ausarbeitung.
Charline von Heyl, Secession 2004, Photo: Matthias Herrmann
Die Bilder Charline von Heyls beziehen ihre Spannung aus dem Zusammenspiel von
positivem und negativem Raum, dem Wechsel von Hell und Dunkel und den unzähligen
Schichten, die kontrastierend aus Grund und Gegenstand aufgebaut sind. Im Nachvollzug
des Bildraums als Handlungsraum stößt der/die BetrachterIn dabei häufig
auf unerwartete, ihn/sie herausfordernde Ambivalenzen: bewegungsfördernde
und retardierende Momente werden gegeneinander ausgespielt und oft bis ins Paradoxe
gesteigert; ein dunkles, dreckiges Farbschema verkehrt sich ins Grelle oder Zarte;
vor und zurückspringende Farbflächen wirbeln durch den Raum, dynamisieren
die Bildtiefe und kommen plötzlich zum Stillstand. Solcherlei Umkehrpunkte
zeugen von einer Haltung, die die Malerei den Entscheidungen und Ereignissen des
Tuns ausliefert, immer bereit ist, Widersprüche ins Werk zu setzen und das
Erreichte aufzugeben, um neu zu beginnen.
Charline von Heyl, Secession 2004, Photo: Matthias Herrmann
Diese Dialektik bestimmt mitunter auch die Präsentationsform der Arbeiten.
So werden zum Beispiel die farbigen Zeichnungen im Grafischen Kabinett wie Poster
gehängt, so dass die edle Materialität der Ölfarbe und die Unverfrorenheit
der Installation miteinander in einen spannungsreichen Dialog treten.
I Am Monkeys, 2003, Courtesy Friedrich Petzel Gallery, New
York
Im Bestreben, jedweder Form einer begrifflichen Darstellung zu entkommen, entwickelt
Charline von Heyl eine Komplexität, die Zweifel und Euphorie, Rauschzustände
und nüchternes Erkennen miteinander verbindet. Von den Bildern geht ein Geheimnis
aus, das trotz intensiver Wahrnehmungsarbeit nie ganz gelüftet werden kann.
Charline von Heyl, Secession 2004, Photo: Matthias Herrmann
AUSSTELLUNGSGESPRÄCH
Mittwoch, 30. 6. 2004, 18 Uhr in der Secession, Galerie
mit Charline von Heyl und Isabelle Graw
Eine Veranstaltung der
Freunde der
Secession.
Untitled (CvH 03/033), 2003, The Judith Rothschild Foundation
Contemporary Drawings Collection, New York
PUBLIKATION
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CHARLINE VON HEYL
52 Seiten, 21 Farbabbildungen, 16 s/w Abbildungen
Text: John Kelsey
Secession 2004, ISBN 3-901926-70-4
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Erhältlich im Shop |
CHARLINE VON HEYL, geboren 1960, lebt und arbeitet in New
York.
Ausstellungen (Auswahl): 2004 Galerie Bärbel Grässlin, Frankfurt; 2003
Friedrich Petzel Gallery, New York; 2002 Galerie Gisela Capitain, Köln; 2001
Musterkarte, Modelos de Pintura en Alemania, Goethe-Institut International, Madrid;
1999 Das XX. Jahrhundert, INIT Kunsthalle Berlin; 1997 Künstlerhaus Bethanien,
Berlin
Untitled (CvH 03/037), 2003, The Judith Rothschild Foundation
Contemporary Drawings Collection, New York
Die Ausstellung wird unterstützt von:
IFA.
Institut für Auslandsbeziehungen e.V.
Für weitere Informationen, Presse-
und Fotomaterial wenden Sie sich bitte an:
Tamara Schwarzmayr
Secession, Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Tel: +43-1-5875307-10, Fax: +43-1-5875307-34
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