Henrik Olesen, Installationsansicht, Secession, 2004
In seinen Arbeiten befragt Henrik Olesen alltägliche Konventionen nach ihren
geschlechterpolitischen Effekten. Ausgangspunkt sind sowohl aktuelle als auch
historische Materialien: visuelle und textuelle Repräsentationen aus den
Bereichen der Architektur- und Industrialisierungsgeschichte, des Justizvollzugs
und der Rechtssprechung, der geografischen und demografischen Verteilung von Kapital,
den Naturwissenschaften oder der Kunstgeschichte selbst. Durch Appropriation,
Manipulation oder kontextuelle Verschiebungen thematisiert Olesen die Stigmatisierung,
Kriminalisierung und Verdrängung von Homosexualität.
Henrik Olesen, 1935 1922, 2003, Courtesy: Galerie Daniel Buchholz,
Köln
Eine wesentliche Rolle spielt der Prozess der Politisierung und der Aneignung
im Sinne eines Détournements (Guy Debord) von Geschichte und deren Repräsentationen.
Je nach Bezugssystem nimmt Olesen entweder minimalistische Interventionen in der
Ausstellungsarchitektur und im öffentlichen Raum vor oder seine Arbeiten
nehmen die Form von extensiven Internetrecherchen an. Mit Collagetechniken und
skulpturalen Verfahren öffnen seine Arbeiten die hegemonialen Ikonografien,
in denen homosexuelle Körper abwesend sind.
Henrik Olesen, Installationsansicht, Secession, 2004
In der Secession zeigt Henrik Olesen eine Auswahl von Werken, die Produktion als
ästhetischen und bedeutungsgebenden, zugleich aber wandlungsfähigen
Prozess artikulieren, der unser Handeln normativ kontrolliert. Olesen schreibt
Räumen und Interieurs um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. schwule Körper
ein und verweist damit auf die allgemeine Verdrängung von Homosexualität
und die gleichzeitige Beschwörung heterosexueller Familienkonzepte als gesellschaftserhaltende
Strukturen.
Henrik Olesen, 1935 1922, 2003, Courtesy: Galerie Daniel Buchholz,
Köln
Henrik Olesen, 1935 1922, 2003, Courtesy: Galerie Daniel Buchholz,
Köln
Die Vitrine im Aufgang zum Grafischen Kabinett versammelt eine Reihe von Fotografien
und Abbildungen der Secession zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Den Innen- und
Außenaufnahmen sind Personen und Personengruppen hinzugefügt: Szenen
von Verhaftungen oder nackte Männerkörper, die, in einer Reihe aufgestellt,
im Foyer der Secession medizinischen Untersuchungen unterzogen werden. Die Vitrine,
selbst ein postmodernes Zitat, wird sowohl als Display für ein homosexuelles
Begehren als auch als Symbol einer Geschichte der Selektion und Zensur eingesetzt.
So tauchen in und neben den historischen Abbildungen diverse Verweise und Anspielungen
auf den §207 bzw. auf den §209 des österreichischen Strafgesetzbuches
(ÖStGB), der die "gleichgeschlechtliche [schwule] Unzucht mit Personen
unter 18 Jahren" unter Strafe stellt.
Henrik Olesen, Installationsansicht, Secession, 2004
Die Arbeit
1935 1922 (2003), die in der Galerie der Secession ausgestellt
ist, setzt ebenfalls die Strategie der Collagetechnik ein. Die mehrteilige Werkgruppe
inkludiert eine Reihe von Collagen, die sich auf die zwei Bildromane
La femme
des 100 têtes (1929) und
Une semaine de bonté (1934) des
Surrealisten Max Ernst beziehen, sowie eine Materialsammlung mit unterschiedlichen
Stadien der Sujetentwicklung. Während die Vitrinen auf das selektive, von
Zufällen und Kapital bestimmte Bewahren und Sammeln anspielen, verschieben
sich in den Collagen die Erzählungen von einer ursprünglich heterosexuellen
Fixierung zu facettenreichen, homosexuellen Szenerien.
Henrik Olesen, Installationsansicht, Secession, 2004
PUBLIKATION
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HENRIK
OLESEN
54 Seiten, 23 Farbabbildungen, 34 s/w Abbildungen
Texte: Juliane Rebentisch, Matthias Herrmann
Secession 2004, ISBN-Nr. 3-901926-65-8
Vertrieb: Verlag der Buchhandlung Walther König
___________________
Erhältlich im
Shop |
HENRIK OLESEN geboren
1967 in Esbjerg/DK, lebt und arbeitet in Berlin
EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl): 2003 Interventionen 33: 1935 1922, Sprengel Museum
Hannover; Handlungsräume, Salzburger Kunstverein; Galerie Klosterfelde, Berlin;
Hosni Mubarak, Aaron McKinney, Richmond, Belgrad, Städtisches Museum Abteiberg,
Mönchengladbach; 2002 Galerie Daniel Buchholz, Köln; There are two temperatures:
one outside, one inside. Kirsten Pieroth / Henrik Olesen, Galleria Franco Noero,
Turin, 2001 Kunstverein Braunschweig
GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl): 2003 GNS (Global Navigation System), Palais de
Tokyo, Paris; Influence, Anxiety, and Gratitude (Towards an Understanding of Trans-generational
Dialogue as a Gift Economy), MIT List Visual Arts Center, Cambridge; 2002 Zusammenhänge
herstellen, Kunstverein Hamburg; Ökonomien der Zeit, Museum Ludwig, Köln
/ Akademie der Künste, Berlin / Migros Museum, Zürich; The Collective
Unconsciousness, Migros Museum, Zürich; 2001 Pedigree Pal - Neudefinition
von Familie, Shedhalle, Zürich; Arbeit, Essen, Angst, Kokerei Zollverein,
Essen; Trans Sexual Express Barcelona, 1st Barcelona Triennial, Centre d'Art Santa
Mònica, Barcelona, Frankfurter Kreuz, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/M.;
Inside Space / Experiments in redefining Rooms, MIT List Visual Arts Center, Cambridge;
2000 All you can eat, Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig, [re:songlines],
halle für kunst e.V., Lüneburg
Henrik Olesen, Installationsansicht, Secession, 2004
Henrik Olesen, Installationsansicht, Secession, 2004
Insitus: Matthias Herrmann
Die Ausstellung wurde unterstützt von:
Danish
Arts Centre for Visual Arts
Für weitere Informationen, Presse-
und Fotomaterial wenden Sie sich bitte an:
Tamara Schwarzmayr
Secession, Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Tel: +43-1-5875307-10, Fax: +43-1-5875307-34
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