Dokumentation
www.secession.at/ziegler
Mel Ziegler, stuffed, 2003, Secession 2003
Mel Ziegler ist einer der konsequentesten Vertreter des erweiterten In-Situ Begriffs
der 90iger Jahre. In seinen sowohl im Ausstellungsraum als auch im Stadtraum angesiedelten
Projekten untersucht er, wie sich die Gegebenheiten des öffentlichen Lebens
und der soziale Raum in der Architektur und im "Design" von Städten
wiederspiegeln. Im Fokus seiner Arbeit steht dabei die Frage nach den versteckten
historischen und sozialpolitischen Manifestationen von Repräsentation. Um
diese aufzudecken und zu manipulieren, schafft Mel Ziegler mit den unterschiedlichsten
Materialien komplexe Referenzsysteme, in denen individuelle und kollektive Geschichte
aufeinander treffen.
Mel Ziegler, stuffed, 2003, Secession 2003
Sein Projekt
stuffed ist sowohl in der Galerie der Secession als auch in
verschiedenen Geschäftslokalen der Wiener Innenstadt angesiedelt und untersucht
die Bedeutungspotenziale von Vitrinen und Schaukästen ebenso wie ihre unterschiedlichen
Präsentationskontexte in Museen, Ausstellungsräumen und Einkaufszonen
inklusive der damit verbundenen Wertzuschreibungen und Besitzverhältnisse.
Mel Ziegler, stuffed, 2003, Secession 2003
Die Ausstellungsräume der Secession bespielt Mel Ziegler mit einer Reihe
von Biedermeiervitrinen und -schränken aus dem Kaiserlichen Hofmobiliendepot.
Er stellt die Vitrinenmöbel, die heute als Teil einer Sammlung in den öffentlichen
Besitz übergegangen sind, mit der Schauseite zur Wand, so dass sie sich ihrer
ursprünglichen Funktion der Präsentation verweigern und stattdessen
selbst zum Ausstellungsobjekt werden.
Mel Ziegler, stuffed, 2003, Secession 2003
Vor dem sozialgeschichtlichen Hintergrund eines allgemeinen Rückzugs ins
Private war die Wohnung der wichtigste Bereich der Biedermeierkultur (1815 - 1848).
Die in der Zeit des Biedermeier einsetzende Industrialisierung ermöglichte
nicht nur einer breiteren Bevölkerungsschicht vermehrten Besitz, sondern
führte mit dem Anbieten von (Massen-) Waren anstelle der Produktion auf Bestellung
auch zu einer veränderten Konsumkultur, die bis heute bestimmend ist. Möbel
dienten dem Bürgertum, das nach den napoleonischen Kriegen zwar immer wohlhabender
wurde, zugleich aber von politischer Einflussnahme ferngehalten war, zur Schaustellung
des eigenen Besitzes.
Mel Ziegler, stuffed, 2003, Secession 2003
Während die Bürger ihren Geschmack an dem des Adels orientierten und
sich eine Sammlung an Erinnerungsstücken, Porzellan, Glas und anderen Luxusgütern
zulegten, fand auf höfischer Seite eine gegenläufige Bewegung der Aneignung
statt: Das Biedermeier, das insbesondere in Österreich zur Hochblüte
gelangte, ist der einzige vom Adel aufgegriffene Stil in der Möbelgestaltung.
Mel Ziegler, stuffed, 2003, Innenstadt Wien, Don Gil, Secession
2003
Diese Parameter ihrer historischen Bedingtheit - die Verschränkung von Besitz
mit privaten und öffentlichen Repräsentationsräumen - sind auch
der zentrale Bezugspunkt für den zweiten Teil des Projektes, der in der Wiener
Innenstadt realisiert wurde, und auf den ein Wandtext ebenso wie die umfangreiche
Online-Dokumentation verweisen.
Mel Ziegler, stuffed, 2003, Innenstadt Wien, Lobmeyer, Secession
2003
Im öffentlichen Raum, genauer gesagt in zahlreichen Geschäftslokalen
der Wiener Innenstadt (Kärntnerstraße, Graben und Nebenstraßen),
platziert Mel Ziegler ca. 50 zeitgenössische Vitrinen aus dem Bestand verschiedener
Wiener Museen. Grundlage für diese Translokation ist Zieglers Beobachtung,
dass Vitrinen und Schaukästen nicht nur wesentliches Element der Sprache
von Museen und Ausstellungshäusern sind, sondern gerade in Wien auch das
Bild der (Innen-)Stadt und der Einkaufszone prägen.
Mel Ziegler, stuffed, 2003, Innenstadt Wien, Lanz Trachten,
Secession 2003
Die Museumsvitrinen sind in die Auslage der Geschäfte integriert und bis
an den Rand dicht mit Stroh gefüllt. Auch in den Geschäften vorhandene
Vitrinen werden auf diese Weise gefüllt. Das Stroh, golden aber nahezu wertlos
und in seiner ländlichen Konnotation seltsam ortsfremd, hinterfragt die Normativität
von Wertzuschreibungen, die mit einer Präsentation innerhalb der Konsum-
und Warenwelt einhergehen. Es verhindert den Blick in den Präsentationsraum,
wo sich sonst die ausgestellten Produkte befinden, und lenkt die Aufmerksamkeit,
den umgedrehten Vitrinen in der Secession vergleichbar, auf die Möbelstücke
selbst. An der Grenze zwischen Anpreisen und Ausstellen bleibt offen, ob es sich
bei den Vitrinenschränken um Gebrauchswaren oder Kunstwerke handelt. Mel
Ziegler zeigt die Zusammenhänge und Schnittflächen von Waren- und Kunstpräsentation
auf und verhandelt damit verbundene Fragen nach Originalität, Authentizität
und Distinktion in der Diskussion um ortsspezifische Kunst.
Mel Ziegler, stuffed, 2003, Innenstadt Wien, L'Occitane, Secession
2003
PUBLIKATION
 |
MEL ZIEGLER
32 Seiten, 103 Farbabbildungen, 5 s/w Abbildungen
Texte: Matthias Herrmann, Hedwig Saxenhuber, Mel Ziegler
Secession 2003, ISBN 3-901926-59-3
___________________
Erhältlich im
Shop |
MEL ZIEGLER, geboren 1956, lebt und arbeitet in Austin; Einzelausstellungen
(Auswahl): 2002 Without Time / Without Temperature, Fri-Art Kunsthalle, Freiburg;
2001 Doug Lawing Gallery, Houston; 2000 Paula Cooper Gallery, New York; 1999 Artpace,
San Antonio; 1998 Come and Go, Spaces, Cleveland; Growing Concern, Canadian Center
for Architecture, Montreal; 1997 Arts Club of Chicago; Gruppenausstellungen (Auswahl):
2001 Basics, Kunsthalle Bern; Museum as Subject, Osaka National Museum; Mapping
Art and Science, Tang Museum, Saratoga Springs; Loudly Minimal, Quietly Baroque,
Blue Star Art Space, San Antonio; 2000 Museum as Muse, Museum of Modern Art, New
York; Out of the Ordinary, Contemporary Arts Museum, Houston
In-Situs Secession: Matthias Herrmann
In-Situs Innenstadt: Leona Scull-Hons, Mel Ziegler
Für weitere Informationen, Presse- und Fotomaterial wenden Sie sich bitte
an:
Tamara Schwarzmayr
Secession, Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, 1010 Wien
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