Sonntag, 6. 7. 2003, 23 Uhr,
Im Spiegel der Psyche,
Kunstradio
Ö1 und Online Artradio
Norbert Brunner-Lienz, Im Spiegel der Psyche, Ausstellungsansicht,
Foto: Matthias Herrmann, Secession 2003
Ein charakteristisches Element der Arbeiten von Norbert Brunner-Lienz ist die Auseinandersetzung
mit Sprache. In seinen Audioinstallationen und experimentellen Hörspielen
aber auch seinen Zeichnungen und literarisch-künstlerischen Texten werden
psychologische, ikonografische, mythologische und fantastische Elemente und Bedeutungen
dekonstruiert und transformiert. Auf diese Weise entstehen komplexe analytische
und zugleich ästhetisch-poetische Sprachbilder, die neue Beziehungsfelder
zwischen Ikon, Index und Symbol freisetzen und Text als ein in der bildenden Kunst
bespielbares und formbares Material und Medium fassen.
Norbert Brunner-Lienz, Im Spiegel der Psyche, Detail, Secession
2003
In der Secession zeigt Norbert Brunner-Lienz das Projekt
Im Spiegel der Psyche,
das einen Zyklus von Zeichnungen und ein experimentelles Hörstück vereint.
Der Text des Hörstücks bildet die Grundlage für die Erzählungen
in den Zeichnungen. Im Mittelpunkt steht im mehrdeutigen Sinn die Psyche. Abgesehen
von der Bedeutung des Wortes für seelische Vorgänge und geistige Funktionen,
bezeichnet "Psyche" in Österreich einen mit einem Spiegel versehenen
Frisiertisch. In Brunner-Lienz' Bildern zeigt sich im Spiegel der "Psyche"
ein Schlafzimmer mit den darin vorhandenen Möbelstücken, dessen beklemmende
Stimmung drei zentrale Themen - Angst, Einsamkeit und Sexualität - heraufbeschwört.
Die Aura des Unheimlichen speist sich aus der Darstellung der Möbel als fantastisch
zum Leben erweckte und paradox ausgestattete Protagonisten in einer schlaflosen
Situation, aber auch aus den Geschichten, die den Möbeln eingeschrieben bzw.
von diesen erzählt werden.
Norbert Brunner-Lienz, Im Spiegel der Psyche, Ausstellungsansicht,
Foto: Matthias Herrmann, Secession 2003
Jedes der Möbelstücke erzählt eine eigene Geschichte - eine Ausformung
des nächtlichen Wachens mit seinen absurden Implikationen - die mit ikonografischen
Elementen, mit banalen Wortspielen, oder mit mythologischen Bezügen aufgeladen
ist.
Die Scharniere bzw. Ecken und Füße der Möbel sind als menschliche
Extremitäten dargestellt. Die Wände und die Möbel haben Hände
und Füße, das Metronom ein Ohr. Alle diese Details erfüllen Funktionen
im angesprochenen Kontext. Die einheitliche blau-weiß gestreifte Darstellung
der Möbel erinnert daran, dass das Zimmer, eigentlich dem Schlaf gewidmet,
diesen nicht gestattet, vielmehr in der Schlaflosigkeit verdrängte Eindrücke
und Ängste erscheinen und sich willkürlich neu zusammensetzen. Die blau-weißen
Streifen erinnern ebenso an einen Pyjama, den auch der Künstler, der sich
als Bettvorleger in eine der Zeichnungen gesetzt hat, trägt. Als Verbildlichung
des Ungreifbaren des Unbewussten verschmilzt das Subjekt mit den Objekten.
Norbert Brunner, Lienz, Im Spiegel der Psyche, 2002
Im Bett liegt eine Bombe, darüber hängt ein Bild, das das Bergmassiv
Rosengarten, in der germanischen Sage Reich des Zwergenkönigs Laurin, explodieren
lässt. Aus dem Kasten lugt eine Gummipalme, die das Klischee der einsamen
Insel wach werden lässt. Man sieht den Künstler selbst auf hoher See,
den Fuß des Bettes auf dem Kopf tragend, wobei dieses Sujet auf Themen aus
dem Alten Testament und deren Darstellung in der Romanik anspielt. Die beiden
Ursprungsgeschichten der christlichen Religion, die der Kreuzigung Jesu und die
von Adam und Eva im Paradies, wurden oft miteinander verknüpft, so etwa,
wenn Jesus stehend auf dem Kopf von Adam zu sehen ist.
Das Nachtkästchen, mit einem Vlies und einem Tal, der kindlichen Darstellung
des Emmentals, bedacht, verweist auf die griechische Sage um den Argonauten Jason,
ist aber natürlich auch Symbol von Sexualität. Geöffnet zeigt es
die Szene eines kleinen, Trompete blasenden Jungen, für die ein Bild von
Kippenberger genauso wie das Buch Gargantua und Pantagruel von Rabelais Inspiration
waren, und die mit der buchstäblichen "Lautmalerei" auch auf den
ersten Schrei nach der Geburt anspielt. Die Lampe nimmt Bezug auf Leonardo da
Vincis Madonnenbilder und Sigmund Freuds Studie Eine Kindheitserinnerung Leonardo
da Vincis, die für gewöhnlich als Modellfall einer psychoanalytischen
Interpretation von Kunstwerken angesehen wird.
"In ihrer mühsamen Konstruiertheit und mit ihren vielfachen Überarbeitungen
sind sie [die Zeichnungen] das genaue Gegenteil von lockeren Entwürfen und
zarten Andeutungen. Die Psyche wird zu einer quälenden Formation, die eben
dadurch, dass sie keinen Anfang und kein Ende hat, nicht wirklich repräsentierbar
ist, sondern nur mühsam in den Raum gedrängt wird, zusammengehalten
nur durch die unzähligen Querverweise und Löcher, die in andere Ebenen
führen." (Martin Prinzhorn)
Im grafischen Kabinett greift die Hängung der Zeichnungen und die Positionierung
eines Spiegels als zentrales Moment im Raum die Absurdität der ganzen Szenerie
nochmals auf. Im Treppenaufgang zum Grafischen Kabinett ist der Text, aus dem
heraus die Bilderserie entstanden ist, als Soundinstallation zu hören. In
Kooperation mit dem Ö1-Kunstradio hat Norbert Brunner-Lienz aus dem Text ein Hörstück
für vier Stimmen (die Anzahl der Stimmen referiert auf die Anzahl der Möbel
im imaginären Zimmer) komponiert, das auch im Kunstradio gesendet wird (Sonntag,
6. 7. 2003, 11-12 Uhr,
Im Spiegel der Psyche, Kunstradio Ö1 und Online
Artradio).
PUBLIKATION
Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger (deutsch/englisch) Katalog mit einem
Text von Martin Prinzhorn und dem Text von Norbert Brunner
Im Spiegel der Psyche (erzeugt aus der Serie
Barfüßige Schlaflosigkeit).
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NORBERT BRUNNER-LIENZ
28 Seiten, 14 Farbabbildungen, Beilage: CD
Texte: Norbert Brunner, Matthias Herrmann, Martin Prinzhorn
Secession 2003, ISBN 3-901926-57-7
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Erhältlich im
Shop |
NOBERT Brunner-Lienz, geboren 1959, lebt und arbeitet in Innsbruck
und Wien; Einzelausstellungen (Auswahl): 2000 Dokumentarische Dialektstudie 1/2,
mit Michael Schuster, Galerie im Taxispalais, Innsbruck; 1999 Dokumentarische
Dialektstudie 1/2, mit Michael Schuster, steirischer herbst, Graz; 1982 König
Laurin und sein Rosengarten, Galerie Peter Pakesch, Wien; Gruppenausstellungen
(Auswahl): 2002 Variable Stücke, Galerie im Taxispalais, Innsbruck; 2001
Freiheit lebenslänglich, Galerie Hammele und Ahrens, Stuttgart; 2000 Re-Play.
Anfänge internationaler Medienkunst in Österreich, Generali Foundation,
Wien; 1997 Alpenblick- Die zeitgenössische Kunst und das Alpine, Kunsthalle
Wien
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