Jack Goldstein, Metro-Goldwyn-Mayer, 1975, Installationsansicht,
Secession 2003
Chantal Akerman, Judith Barry, Thomas Bayrle, Noël Burch, Shirley Clarke,
Ingemo Engström, Harun Farocki, Morgan Fisher, Penelope Georgiou, Jack Goldstein,
Angela Hareiter, Derek Jarman, Isaac Julien, Rainer Kirberg, Malcolm LeGrice,
Mark Lewis, Babette Mangolte, Mark Nash, Nagisa Oshima, Ulrike Ottinger, Karl
Sierek, Jean-Marie Straub/Danièle Huillet, Elisabeth Subrin, Michael Snow,
Nomeda und Gediminas Urbonas, Oscar Zarate
Kuratiert von Constanze Ruhm
Installationsansicht, Hauptraum, Secession 2003
Die Ausstellung
Fate of Alien Modes beschreibt ein Terrain, das am Schnittpunkt
künstlerischer und filmischer Modelle und Diskurse entsteht. Kino und Kunst
bringen jeweils verschiedene Produktions- und Repräsentationsformen hervor,
die das Projekt in den Vordergrund rückt, um deren innewohnende Mechanismen
sichtbar zu machen. Das kuratorische Konzept fasst den kinematografischen Apparat
als eine Ökonomie auf, in der sich unterschiedliche Produktionsmodi entfalten,
und eröffnet so eine andere Perspektive auf Kunstproduktion. Die Verschiebung
der Aufmerksamkeit von einer Ausstellung "über Kino" zu dessen
Ökonomien beabsichtigt, die Strukturen, Wechselbeziehungen und Themen zu
beleuchten, die zwischen Kino und anderen Formen zeitgenössischer Kultur
wirksam werden. Diese Themen werden entlang des Bezugssystems von Kunstinstitutionen
entwickelt, indem zeitgenössische künstlerische und kuratorische Praxen
reflektiert werden.
Installationsansicht, Hauptraum, Secession 2003
Fate of Alien Modes verräumlicht die Diskurse des Kinos, um diese
als eine Reihe aktiver Scripts sichtbar zu machen. Statt Kunst und Kino innerhalb
der Konventionen von Projektionsräumen und Mini-Kinos zusammenzufassen, basiert
die Ausstellung auf einer Reihe aktiver Scripting-Prozesse, die im Gegensatz zu
einem abgeschlossenen, monadischen Werkbegriff stehen. Unterschiedlichste Produktionsformen
werden hervorgehoben, um der Auffassung entgegenzuwirken, dass der Ausstellungsraum
der Secession bloßer "Behälter" von Kunst sei. Stattdessen
wird die institutionelle Architektur als fragile Konstruktion und als "räumliche
Erzählung" gezeigt. Sie stellt eine diegetische Welt dar, die von den
Arbeiten und Produktionen "übersetzt" wird, um so die Ökonomien
des Kinos innerhalb eines dreidimensionalen Wechselspiels zwischen Projektionen,
Soundarbeiten, Scripts und indexikalischen Archiven zu realisieren und auch freizusetzen.
Isaac Julien, Lost Boundaries, 2003, Installationsansicht,
Secession 2003
Die Ausstellungskoordinaten beschreiben einen Raum, der script-basierte Formate,
temporäre (Set)-Architektur, Filme und Videos, Soundarbeiten und offene,
performative Prozesse beinhaltet - darunter Dreharbeiten zu einem Film - um so
die alien modes des filmischen Apparats als eine Collage unterschiedlichster Arbeitsformen
und Praktiken offen zu legen.
Installationsansicht, Hauptraum, Secession 2003
Die Beiträge wurden innerhalb eines kuratorischen Rahmens entwickelt, der
einer einfachen Vorstellung vom Kino als nur einer Leinwand, die Leben vergrößert,
entgegengesetzt ist. Sie verwirklichen die komplexe Ökonomie einer Raumordnung,
die sich innerhalb spezifischer Produktionsmodi entfaltet. Die Arbeiten befassen
sich mit voneinander differenten Subjekten - und auch mit jenen, die angesprochen
sind: den BetrachterInnen, der Öffentlichkeit. Eine Reihe von Beiträgen
wurde innerhalb eines Dialogs zwischen Kuratorin und KünstlerInnen/ProduzentInnen
entwickelt, um so entweder bereits existierende Arbeiten für diesen Kontext
neu zu formulieren, oder um neue Beiträge entlang der plot points dieser
Ausstellung zu entwickeln.
Installationsansicht, Hauptraum, Secession 2003
Fate of Alien Modes reflektiert die Differenzen zwischen Räumen für
Kino und Kunst, und verbindet eine Reihe von Feldern und Methoden, um die spezifischen
Unterschiede zwischen Produktionsformaten zu registrieren, die entweder filmischer
oder künstlerischer Praxis angehören. Die Ausstellung bezieht sich auf
den etablierten Dialog zwischen Avant Garde, Kinomoderne und Kunst, um so eine
Re-institutionalisierung des Kinos als Machtinstrument im Kunstkontext zu vermeiden.
Das Projekt versucht, eine Geschichte der Interaktionen zwischen der Moderne,
filmischen Formen und zeitgenössischen Produktionen freizulegen, die in Kunsträumen
oftmals in der Sicherheit nostalgischer Reflexionen über das Kino verbleibt.
Eine neue Perspektive auf die Gegenstände der Filmgeschichte im Kontext von
Kunst eröffnet sich durch einen Fokus auf das Wechselspiel von Effekt und
Konflikt zwischen ZuschauerIn, Projektionsfläche und Bildschirm.
Mark Nash, The Moment of Screen, 2003, Installationsansicht,
Secession 2003
Fate of Alien Modes verbindet eine heterogene Auswahl von Formaten und
Medien (Zeichnungen, Installationen, Videoarbeiten, Architektur, interaktive Soundinstallationen,
Performance, Filme und indexikalische Materialien) mit spezifisch in Auftrag gegebenen
Beiträgen. Alle Arbeiten der Ausstellung stehen entweder in Beziehung zu
Aspekten von "Projektionsfläche" (als Architektur) und "Script"
(als dynamischer Text) oder erfassen und untersuchen die dazwischen entstehenden
visuellen, akustischen und narrativen Räume. Viele der international renommierten
KünstlerInnen zeigen ihre Arbeiten erstmals innerhalb eines institutionellen
Kontexts in Wien.
Oscar Zarate, Plakate, 1972, Installationsansicht, Secession
2003
Die Beiträge reichen von einer Untersuchung der Rolle weiblicher
Stimmen und deren Präsenz in den litauischen Massenmedien in der interaktiven
Soundarbeit
Ruta Remake (2002) von Nomeda und Gediminas Urbonas (TeilnehmerInnen
der Documenta11), über die Installation
Voice Off (1998) von Judith
Barry, die eine Analyse der Geschlechterpolitik im Zusammenhang mit Fragen der
weiblichen und männlichen Stimme und der Vorrangstellung des Visuellen im
modernistischen (Hollywood)-Kino unternimmt, bis zu einer Zusammenstellung filmtheoretischer
Publikationen von den 20er- bis zu den 80er Jahren. Diese Sammlung stellt eine
indexikalische Plattform dar und umfasst unter anderem eine Auswahl an Heften
des deutschen Magazins
Filmkritik, die von Autor und Filmemacher Harun
Farocki getroffen wurde (Redaktionsmitglied von 1974 -1984), und der britischen
Publikation
Screen, die Mark Nash (Herausgeber von
Screen 1978 -
81, Filmtheoretiker und Co-Kurator der Documenta11) zusammenstellte. Die Originalausgaben
werden von Filmausschnitten, Kommentaren und einer Reihe grundlegender historischer
Texte mit einem Schwerpunkt auf den 70er Jahren ergänzt.
Angela Hareiter, bulb, 2003, Installationsansicht, Secession
2003
Die in Wien lebende (Film-)Architektin Angela Hareiter entwickelt einen Raum zwischen
Filmset und Installation, der sich mit Filmbeleuchtung und Special Effect auseinandersetzt.
Hareiter entwirft außerdem eine Bühne für die Filmaufnahme der
griechisch-österreichischen Künstlerin und Filmemacherin Penelope Georgiou,
welche am 5. 6. im Rahmen der Ausstellung öffentlich stattfinden wird. Thomas
Bayrle verbindet in seiner Installation
Superstars (1993) Mainstream-Kino,
Kunst und frühe Formen Neuer Medien, während er gleichzeitig auf ironische
Weise die 60er zu den 90er Jahren in Bezug setzt.
Thomas Bayrle, Superstars, 1993, Installationsansicht, Secession
2003
Die Arbeiten Jack Goldsteins sind erstmalig in Wien zu sehen. Neben einer Präsentation
seiner Plattenproduktionen - darunter die sechsteilige Serie
Planets (1984),
und eine weitere Serie von neun 7-Inch Singles aus dem Jahr 1976 - wird der 16mm
Film
MGM (1975) gezeigt. Unerwarteterweise wird diese Präsentation
von Goldsteins Arbeiten zur ersten nach seinem plötzlichen Tod im März
dieses Jahres.
Nomeda & Gediminas Urbonas, Ruta Remake, 2002, Installationsansicht,
Secession 2003
Der Künstler und Filmemacher Morgan Fisher zeigt den frühen 16mm Film
Production Stills (1970), den autobiografischen found-footage Film Standard
Gauge (1984), sowie eine Serie von Zeichnungen mit dem Titel
Photogenic Drawings (2002). Der Drehbuchautor und Regisseur Rainer Kirberg entwickelt für Fate
of Alien Modes eine Auftragsarbeit: einen unvollständigen Film , der die
Erzählung von Gustav Klimts Beethovenfries in die Sprache zeitgenössischer
Filmgenres übersetzt. Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert, von denen
jeder eine Stufe im kinematografischen Produktionsprozess darstellt - vom Drehbuch
über das Storyboard bis zum realisierten Film.
Judith Barry, Voice off, 1998, Installationsansicht, Secession
2003
In seiner Arbeit
Two Impossible Films (1995) beschäftigt sich der
Künstler Mark Lewis mit der Geschichte von Filmen, die nie realisiert wurden
- darunter Sergei Eisensteins Plan, Karl Marx' Werk
Das Kapital für
die Leinwand zu adaptieren und Samuel Goldwyns Idee, Sigmund Freud nach Hollywood
zu holen und als Drehbuchautor einer psychoanalytischen Liebesgeschichte zu gewinnen.
Rainer Kirberg, 3, 2003, Installationsansicht, Secession
2003
Der Künstler, Autor und Filmemacher Isaac Julien (Teilnehmer der Documenta11)
zeigt eine neue Arbeit, die spezifisch für
Fate of Alien Modes konzipiert
wurde.
Lost Boundaries (2003) basiert auf Super8-Archivmaterial, das im
Rahmen der Dreharbeiten zu
The Passion of Remembrance (1986) entstand.
Bei diesem Film handelt es sich um die erste Produktion des britischen Sankofa
Film Collective, dessen Gründungsmitglied Julien war. Sein neuer Dokumentarfilm
BaadAsssss Cinema (2002) über das Genre des Blaxploitation-Films (Interviews
mit Pam Grier, Isaac Hayes, Melvin Van Peebles u.a.) wird in Anwesenheit des Regisseurs
als Teil der Ausstellung am 1. 6. in einer österreichischen Erstaufführung
im Wiener Filmmuseum zu sehen sein.
Rainer Kirberg, 3, 2003, Installationsansicht, Secession 2003
Die Ausstellung umfasst zudem Originaldrehbücher und Materialien zu
Freak
Orlando (1981) der Regisseurin und Documenta11-Teilnehmerin Ulrike Ottinger,
sowie die zeitgenössische Bearbeitung und Analyse eines Drehbuchs des Psychoanalytikers
Siegfried Bernfeld aus dem Jahr 1925 durch den Wiener Filmtheoretiker Karl Sierek.
Darüber hinaus sind eine Reihe von Publikationen innerhalb der Ausstellung
und in der Buchhandlung der Secession zugänglich.
Jack Goldstein, A Suite of Nine, 1976, (Detail, The Dying
Wind)
Im Hauptraum der Secession befindet sich ein Kino, dessen Programm methodisch
und indexikalisch historische Grundlagen erforscht, indem jeder Film einen Produktionsaspekt
des filmischen Apparats behandelt. Das Programm beinhaltet den Klassiker
Hotel
Monterey (1972) von Chantal Akerman, Harun Farockis frühes Werk
Erzählen (1975, Co-Regie: Ingemo Engström), den fiktiven Dokumentarfilm
Shulie (1997) der Filmemacherin Elisabeth Subrin, Babette Mangoltes wegweisende Arbeit
The Camera: Je or La Caméra: I (1977), Isaac Juliens
Looking
for Langston (1989) und
Portrait of Shirley Clarke (1996) des Autors
und Filmemachers Noël Burch (Co-Regie André S. Labarthe), sowie eine
Filmauswahl von Mark Nash, welche auf einem Programm basiert, das vom Filmmagazin
Screen für das NFT (National Film Theatre) in London im Jahr 1978
zusammengestellt wurde; darunter Michael Snows
Rameau's Nephew by Diderot (1974),
Blackbird Descending von Malcolm LeGrice (1977) und
History
Lessons von Straub/Huillet (1972).
Ulrike Ottinger, Freak Orlando, 1981, Filmstill
In Kooperation mit dem Filmmuseum -
www.filmmuseum.at - sind dort am 10. 5. Filme von Noël Burch und Thom Andersen, am 11.
5. Filme von Derek Jarman und Nagisa Oshima und am 1. 6. Filme von Ulrike Ottinger,
Morgan Fisher, Shirley Clarke und Isaac Julien zu sehen. Außerdem finden
im Filmmuseum zwei Gespräche mit Constanze Ruhm und Noël Burch bzw.
Isaac Julien statt. Details entnehmen Sie bitte dem
Programm.
Babette Mangolte, The Camera: Je or La Caméra: I, 1977,
Filmstill
AUSSTELLUNGSGESPRÄCH
Samstag, 10. 5. 2003,
19 Uhr
mit Constanze Ruhm (Kuratorin
der Ausstellung)
und den KünstlerInnen Nomeda & Gediminas Urbonas
Shirley Clarke, The Cool World, 1963, Filmstill
FILMAUFNAHMEN
Donnerstag 5. 6. 2003
Öffentliche Filmaufnahme der Künstlerin und Filmemacherin Penelope Georgiou
im Rahmen der Ausstellung in der Secession
PUBLIKATION
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FATE OF
ALIEN MODES
128 Seiten, 38 Farbabbildungen, 54 s/w Fotos
Texte: Judith Barry, Thomas Bayrle, Noel Burch, Ingemo Engström, Harun Farocki,
Morgan Fisher, Anne Friedberg, Penelope Georgiou, Matthias Herrmann, Isaac Julien,
Rainer Kirberg, Otto Kränzler, Mark Lewis, Babette Mangolte, Mark Nash, Ulrike
Ottinger, Constanze Ruhm, Karl Sierek, Michael Snow, Elisabeth Subrin, Nomeda
und Gediminas Urbonas, Karsten Visarius
Secession 2003, ISBN 3-901926-54-2
___________________
Erhältlich
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