Sue Williams, Sun Conure, 2002
Die amerikanische Malerin Sue Williams bleibt in allen Stadien ihrer Malerei einem
Prinzip treu. Sie gibt vor, die Form in der Abstraktion aufzulösen, um gleichzeitig
durch die gestische Pinsel-führung auf monochromem Hintergrund eine Körperlichkeit
entstehen zu lassen. In der Ausstel-lung in der Secession werden Arbeiten der
letzten zehn Jahre versammelt. Diese Zusammen-stellung ermöglicht, die malerische
Entwicklung in Sue Williams Werk nachzuvollziehen.
Sue Williams, Art for the Institution and the Home, Installationsansicht
In der feministischen Diskussion der 80er Jahre kam Malerei als Terrain für
Frauen eigentlich nicht vor. Die Malerei wurde als die patriarchale Domäne
schlechthin gehandelt, und die Bewertungskriterien der Malerei unterlagen tatsächlich
so stark der männlichen Definitionsmacht, dass es vielen Frauen sinnvoller
bzw. sogar strategisch klüger erschien, in Bereichen zu arbeiten, die bis
dahin als weitge-hend unbesetzte Positionen zählten (Fotografie, Video, Performance).
Sue Williams hat sich von vornherein des Mediums Malerei bedient. Letztlich auch
dadurch, feministische Inhalte in die Malerei zu tragen, hat sie auf der Malerei
als ein nicht per se frauenungeeignetes Metier bestanden.
Sue Williams, Art for the Institution and the Home, Installationsansicht
Die früheren Bilder, Mitte der 90er Jahre entstanden, sind dem Typus der
trivialen Bildergeschichte - Comics und Karikaturen - verwandt. Sie zeigen, als
eine Art Labyrinth aller Obszönitäten, mit einer unverstellten Wut Szenen
von Gewalt, sexueller Überschreitung und Missbrauch gegen Frauen und Kinder.
Während die Motive allein oft nicht klarstellen, inwiefern die Szenen häuslicher
Gewalt ledig-lich nachgezeichnet und sarkastisch zur Ansicht stehen gelassen werden,
zeugen sie in Kombination mit fragmenthaften Sätzen und Kommentaren in den
Bildern ganz eindeutig von einem Engagement.
Sue Williams, Art for the Institution and the Home, Installationsansicht
Anfangs benennt Sue Williams explizit ihre Themen, sicher auch, um selbst die
Klarheit ihrer Formu-lierungen zu finden. Im Lauf ihrer künstlerischen Praxis,
in der nun ihre Inhalte auch so dezidiert benannt sind, verlagert sich ihr Interesse
mehr auf den Gestus der Malerei, Pinselstrich und Farbe.
In den späten 90er Jahren weicht das abbildende Moment in Williams Arbeiten
zugunsten einer immer stärker werdenden Abstraktion, auch wenn sie Rhythmus
und Bewegung ihrer frühen Gemälde beibehält. Die nun entstehenden
Arbeiten enthalten keine begrifflichen Informationen mehr zu ihrer eigenen Erklärung.
Sue Williams, Art for the Institution and the Home, Installationsansicht
Nachdem Williams die Worte aus ihrem visuellem Vokabular genommen hat, konzentriert
sie ihre Aufmerksamkeit eigentlich ausschließlich auf maltechnische Inhalte.
Gegenüber den früheren, comic-strip-ähnlichen, Arbeiten, ist es
nun der expressive, farbige Pinselstrich selbst, der vor dem leeren Hintergrund
zum assoziationsreichen Objekt wird. Ihre neuen Gemälde sind dominiert von
kraftvollen Strichen, gebrochen durch die Andeutung menschlicher Anatomie, oft
in Neonfarben, manchmal ver-wendet sie nicht mehr als drei oder vier Farben. Die
zum Teil phallusförmigen Striche stehen in ihrer Vulgarität nicht nur
der Erhabenheit, wie sie beispielsweise von den Vertretern des abstrakten Expressionismus
angestrebt wurde, entgegen, sondern ironisieren im gleichen Zug in einer hohen
malerischen Qualität die traditionell in der abstrakten Malerei herrschenden,
patriarchalen Macht-strukturen.
Sue Williams, Art for the Institution and the Home, Installationsansicht
Der Titel Art for the institution and the home bezeichnet einerseits den Spagat
zwischen Beruf und Heim-arbeit, den viele Frauen nach wie vor ausführen müssen,
andererseits formuliert der Titel den Vorwurf, dem sich die Malerei oft ausgesetzt
sieht, dass sie nämlich nur noch einen dekorativen Gestus hat. Es bleibt
in der Schwebe, wie stark Sue Williams mit dem Titel eine kritische Position einnimmt.
Sue Williams, Art for the Institution and the Home, Installationsansicht
Die Ausstellung wurde in Kooperation der Secession und dem Institut Valencià
d'Art Modern (IVAM) organisiert. Nach der Präsentation in der Secession wandert
die Ausstellung nach Valencià.
Sue Williams, Art for the Institution and the Home, Installationsansicht
PUBLIKATION
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SUE WILLIAMS
104 Seiten, 67 Farbabbildungen
Texte: Matthias Herrmann, Kosme de Baranano Letamendia, Dan Cameron, Juan Carlos
Román
Secession, IVAM 2002, ISBN 3-88375-658-X
Vertrieb: Verlag der Buchhandlung Walther König
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Erhältlich im
Shop |
SUE WILLIAMS, geboren 1954 in Chicago Heights, Illinois; lebt
und arbeitet in New York.
Einzelausstellungen (Auswahl): 2002 Galerie Hauser & Wirth & Presenhuber,
Zürich; Palm Beach Institute of Contemporary Art, Lake Worth, Florida; 303
Gallery, New York; 2001 Gallery Side 2, Tokyo; Bernier/Eliades, Athen; 1998 Neue
Galerie und Landesmuseum Joanneum, Graz; 1997 Centre d'Art Contemporain, Genf;
1996 Regen Projects, Los Angeles; Gruppenausstellungen (Auswahl): 2001 Brooklyn!
Palm Beach Institute of Contemporary Art, Lake Worth, Florida; Collaboration with
Parkett : 1984 to NOW, Museum of Modern Art, New York; 2000 Open Ends, Museum
of Modern Art, New York; Palais De Beaux-Arts de Bruxelles, Brüssel; 1999
The American Century: Art & Culture 1900-2000, Whitney Museum of American
Art, New York; Negotiating Small Truths, The Jack S. Blanton Museum of Art, Texas;
1998 Kunsthalle Krems; Skulptur Figur Weiblich, Landesgalerie Oberösterreich,
Linz; Pop surrealism, The Aldrich Museum of Contemporary Art, Ridgefield; 1997
Biennale Exhibition, Whitney Museum of American Art, New York; Birth of the Cool,
Deichtorhallen, Hamburg; Kunsthaus Zürich; 1996 Ideal Standard Life, Spiral
Wacoal Art Center, Tokyo
Alle Photos: Matthias Herrmann
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