Henrik Hakansson, Skylark, Installationsansicht, 2002
Die Arbeiten von Henrik Håkansson zeigen Fragmente von Natur-Kreisläufen,
die aufgezeichnet oder an anderen Orten - in Ausstellungskontexten - nachgestellt
werden. Im Mittelpunkt steht die Beobachtung von Pflanzen, Vögeln, Insekten
oder anderen Lebewesen und deren Umgebungen, sowie die Frage nach möglichen
Formen eines Dialogs zwischen Mensch und Natur. Für seine Beobachtungen verwendet
Håkansson unterschiedliche Registrierungsapparaturen und Visualisierungsmedien,
etwa Überwachungskameras, Hochgeschwindigkeitsfilme und Computerprogramme,
zur akustischen und motorischen Analyse, wie sie in wissenschaftlichen Experimenten
und Forschungsprojekten eingesetzt werden.
Henrik Hakansson, Bali Mynah, 2002
Henrik Hakansson, Bali Mynah, 2002
Während diese Elemente formal auf die Einbeziehung von Wissenschaft in die
Kunst anspielen, stehen sie konzeptuell für Abstraktions- und Objektivierungsverfahren.
Diese (wissenschaftlichen) Systeme der Verständigung kombiniert Håkansson
mit einer Sprache der Subjektivität, mit Pop, Film- und Musikgeschichte.
Henrik Hakansson, Bali Mynah, Installationsansicht, 2002
So integrieren seine Installationen die Rekonstruktion der Aufnahmesituation in
Anlehnung an Filmsettings; ein dreistündiger Film einer schlafenden Anaconda
trägt den von Warhol entlehnten Titel Sleep (Eunectes murinus) (1998) oder
Vogelstimmen erscheinen im Schallplattenformat (The Blackbird-Song for a new breed
and Nightingale-Love two times, beide 2001). Seine observierenden Settings intendieren
dabei weniger die Reflexion vermeintlich widersprüchlicher Systeme wie Natur
und Kultur, Wissenschaft und Kunst, sondern die Sensibilisierung für Natur-Phänomene
in bereits fragmentierten Lebens- und Wahrnehmungsräumen.
Henrik Hakansson, Bali Mynah, Installationsansicht, 2002
Die Ausstellung von Henrik Håkansson in der Secession basiert auf zwei neuen
Projekten, die sich beide thematisch mit Vögeln auseinandersetzen. Die Filminstallation
The Skylark (Alauda arvensis). The optimal flight between nowhere and somewhere
zeigt den Flug einer Feldlerche. Die Bilder wurden auf einem 16mm-Hochgeschwindigkeitsfilm
in der freien Natur im Süden Schwedens aufgenommen und registrieren die Flugbewegungen
und -muster der Feldlerche. Der Filmloop intendiert die Visualisierung eines "optimalen"
Flugs zwischen "Nirgendwo" und "Irgendwo".
Henrik Hakansson, Skylark, 2002
Abstraktion und Auftakt zur Fiktion erscheinen als gleichwertige Elemente des
Bildes.Parallel zur Filminstallation publiziert Håkansson, wie in früheren
Arbeiten, eine Schallplatte mit dem Gesang der Feldlerche, der auch als Soundtrack
für den Film fungiert.
Henrik Hakansson, Skylark, 2002
Im Zentrum des zweiten Projektes steht der Vogel Balistar oder auch Bali Mynah
genannt. Die Recherchen zu diesem Vogel stehen vor dem Hintergrund eines längerfristigen
Filmprojektes mit dem Titel The Birds, eine Serie von Portraits, die vom Aussterben
bedrohten Vogelarten und deren Lebensumgebungen gewidmet ist.
Henrik Hakansson, Skylark, Installationsansicht, 2002
Als Auftakt von The Birds entstand im Juli dieses Jahres im Zoo Schönbrunn
ein videografisches Portraits eines Balistar-Pärchens. Das aufgenommene Portrait
bezeichnet Håkansson auch als Screentest - (Untitled) Screen-test: Bali
Starling (Leucopsar rothschildi) - und zitiert auf diese Weise jenes Aufnahmeverfahren,
das beim Casting in der Filmindustrie eingesetzt wird, um die ProtagonistInnen
für ihre Rollen zu testen und in der Folge zu besetzen.
Henrik Hakansson, Skylark, Installationsansicht, 2002
Der ursprüngliche Herkunftsort des Balistars ist die Insel Bali, wo derzeit
noch sechs Vögel in einem Nationalpark leben. Gleichzeitig werden seit den
70er Jahren vermehrt Zoos und Forschungseinrichtungen wie das Konrad Lorenz Institut
zum Lebensraum dieser und vieler anderer Vogelarten, wo Zuchtprogramme deren Erhaltung
gewährleisten sollen. In der Ausstellung ist der Screentest neben einer Rekonstruktion
der Voliere, jenem Vogelkäfig, in dem das Balistar-Pärchen über
einen Zeitraum von 18 Stunden mit Hilfe einer Überwachungskamera und eines
Langzeitrekorders aufgenommen wurde, positioniert. Der Nachbau der Voliere stellt
sich für die BetrachterInnen gleichzeitig als Dokumentation eines temporären
Lebensraums und als Filmset dar.
Henrik Hakansson, Skylark, Installationsansicht, 2002
Henrik Hakansson, Skylark, Installationsansicht, 2002
PUBLIKATION
HENRIK
HÅKANSSON
48 Seiten, Farbabbildung
Texte: Will Bradley, Matthias Herrmann
Secession 2002
HENRIK HÅKANSSON, geboren 1968 in Helsingborg, lebt
und arbeitet in Galtaback und Berlin.
Einzelausstellungen (Auswahl): 2002 Galleria Franco Noero, Turin; The Modern Institute,
Glasgow; 2001 The Tunnel, Galerie Yvon Lambert, Paris; Nightingale, Love Two Times,
Pinksummer, Genua; The Blackbird-Song for a New Breed, Künstlerhaus Bethanien,
Berlin; Gruppenausstellungen (Auswahl): 2002 Ecovention, The Contemporary Arts
Center, Cincinnati, OH; Full Contact, Galleria Civica d'arte contemporanea di
Siracusa, Syrakus; 2001 Paesi Nordici: Interferenze, Palazzo delle Papese, Siena;
Effetto Natura, Fondazione Trussardi, Mailand; Wild Gliders, Aschenbach &
Hofland Galleries, Amsterdam; Berlin Biennale, kuratiert von Saskia Bos, Berlin;
Zero Gravity, Palazzo delle Esposizioni, Rom;
Henrik Hakansson, Skylark, Installationsansicht, 2002