Die Arbeiten von Manfred Erjautz
verhandeln die Erfahrungen des Individuums innerhalb sich ständig verflechtender
und gegenseitig irritierender Bereiche wie Innen und Außen, Privat und Öffentlich,
und unternehmen kompensatorische Versuche, eine Positionierung der eigenen Person
in diesen Feldern zu etablieren und damit einer konstatierten Überforderung
entgegen zu stellen.
In Weiterführung früherer Arbeiten, die mit akkumulativ verwendeten
Logos auf die mögliche Leere ästhetischer Codes hinweisen, hat Manfred
Erjautz für die Ausstellung in der Secession sein eigenes Logo entwickelt.
Eine aus seinen Initialen ME gebildete Neonlampe hängt am Fuß einer
Straßenleuchte, welche die Dachkonstruktion der Secession durchstößt.
Durch die paradoxe Beleuchtungssituation erscheint gleichnishaft als schwacher
Schatten des ME ein WE auf dem Fußboden. Das Ich projiziert selbst eine
Gemeinschaft, die es zugleich überstrahlt. Welche Dimension hat die Persönlichkeit
im Verhältnis zur Öffentlichkeit und wie konstruiert sich Öffentlichkeit,
wenn jede Diskretion um die Person verschwindet? Wie kann man sich in einer Welt
scheinhafter Beziehungen und Verhältnisse positionieren und bewegen?
Converse Exit 01, 2002, C-Print auf Aluminium,
Foto Matthias Herrmann
Im Sinne dieser Fragen ist die Intervention zu sehen, die Erjautz im Ausstellungsraum
vornimmt. Indem die Tür in der hinteren Wand des Hauptraumes durch eine Glasscheibe
ersetzt wird, erfährt der Raum eine Öffnung und Erweiterung. Der Blick
wird so auf einen im Außenbereich platzierten Marmorschneemann freigegeben.
Die Suggestion von Nähe, die scheinbare Möglichkeit des Zutritts zum
Garten und die gleichzeitige unüberbrückbare Distanz, die durch diesen
architektonischen Eingriff geschaffen werden, finden ein Pendant in der Außenskulptur
"Gefangen in der Gegenwart".
TK 1, 2002, Lego, Kohlensäure, in Kooperation
mit
Thomas Köhler, Foto Matthias Herrmann
Der den Hauptraum durchschneidende Ausblick wird kontrapunktisch mit großformatigen
Fotografien, die unter anderem Fenster- und Türsituationen zeigen, weiter
geführt. In ihrer skulptural-architektonischen Formation konstruieren sie
eine komplexe Räumlichkeit, die den fixierten Betrachterstandpunkt der Zentralperspektive
auflöst. Die atmosphärisch lichtdurchtränkten Passagen sind das
Ergebnis eines langen Bildfindungsprozesses, in dem Manfred Erjautz seine Motive
zunächst zeichnend notiert, bevor er in der Realität nach einer Entsprechung
sucht und diese dann fotografisch festhält. In ihrer diffusen Modulation
und Unschärfe demonstrieren die Bilder, wie sehr die Welt draußen Reflex
der eigenen Imagination ist und sie nicht mehr mit dem Blick des Wissenden aus
dem Denkraum heraus zu fokussieren ist.
Gefangen in der Gegenwart, 2000/2002, Marmor, Aluminium,
Edelstahl, Foto Matthias Herrmann
Auflehnung gegen ein nicht zu greifendes
Außen und sich in Gewalt äußernde Wut als Reaktion auf die verletzte
Schutzzone des Privaten thematisiert die Diaserie "Gunshot". Ohne erkennbaren
Gegner schießt der Künstler in seinem Studio mit einem von ihm gebauten
Legogewehr um sich, bis er schließlich von einem Rückschlag, dessen
Ursprung nicht geklärt wird, getroffen zu Boden sinkt. Wenn sich kein Gegenüber
demaskieren lässt, ist das Resultat Erschöpfung, verbraucht sich der
Kraftakt, bleibt die Kugel im Nichts stecken.
MANFRED ERJAUTZ, geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Einzelausstellungen
(Auswahl): 2001 Galerie Grita Insam, Wien; Galerie Eugen Lendl, Graz 1999 Neue
Galerie am Landesmuseum Johanneum, Graz; Kunsthalle Szombathely, Patricia Faure
Gallery, Santa Monica (mit Werner Reiterer, Michael Kienzer) 1998 Ausstellungsraum
Mezzanin, Wien (mit Michael Kienzer); Studio Stefania Miscetti, Rom (mit Michael
Kienzer) 1997 Galerie Fotohof, Salzburg; Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl):
2001 Connecting Worlds - Contemporary Sculpture from the EU, Kennedy Center, ;
L.A. International Biennial; Washigton 2000 Delay, Forum Stadtpark, Graz; Lebt
und arbeitet in Wien, Kunsthalle Wien; Widerstand: Art and Politic from Austria,
Art Space Rhizom, Aårhus; Fotografie - die Sammlung, Neue Galerie der Stadt
Linz 1999 Rosa für Jungs - Hellblau für Mädchen, Neue Gesellschaft
für Bildende Kunst, Berlin; 6/7, The Living Museum, Reykjavik
AUSSTELLUNGSGESPRÄCH
Sonntag 14. 4. 2002, 15 Uhr in der Secession mit Manfred Erjautz und Rainer Fuchs