Alice Creischer, Zeitpersonal "Fire" und "Manpower", 2001
Die Arbeit von Alice Creischer lässt sich nur schwer anhand einer Rollenzuschreibung
definieren, denn die Künstlerin arbeitet in verschiedenen Gruppenkontexten
mit unterschiedlicher Besetzung oder realisiert eigene Ausstellungen, schreibt
aber auch für Kunstzeitschriften wie "Texte zur Kunst" und "springerin".
Zentrales Thema ihrer künstlerischen und theoretischen Arbeiten ist die Sichtbarmachung
von Prozessen und Machinationen in der Politik und Wirtschaft und deren Kultur.
Creischer wählt dazu meist einen realen historischen Bezugspunkt und bettet
diesen in eine neue und frei gewählte Erzählung ein.
Alice Creischer, The Greatest Happiness Principle Party, 2001
Alice Creischer zeigt in der Galerie "The Greatest Happiness Principle Party",
eine zur Ausstellung eingefrorene Inszenierung.
Die Party spielt in der Secession - früher bekannt für ihre Künstlerfeste
- in einer Epoche, in der viele Institutionen ihren zwar nur vermeintlichen, aber
immerhin behaupteten autonomen Raum als Veranstaltungsorte von Firmen- oder Parteienfesten
und sogar Gipfeltreffen verfügbar machen. Die Zeit ist hier allerdings rückversetzt
auf das Jahr 1931: Die Österreichische Creditanstalt nutzt die Räumlichkeiten
der Secession als Location für eine Party. Es ist eine Party ohne große
Konflikte oder ungewöhliche Vorkommnisse. Man erfährt jedoch, dass jene
Bank, die eine der wichtigsten internationalen Drehscheiben für die Spekulationen
in den Balkan war, kurz vor einem Bankrott steht. Dieser Bankrott 1931 löste
die zweite große Weltwirtschaftskrise aus.
Alice Creischer, The Greatest Happiness Principle Party, 2001
Anlässlich der Party haben sich die ersten Gäste bereits versammelt;
einige scheinen in eine Art Selbstgespräch versunken zu sein - dies zeigt
sich in diversen Versuchsanordnungen und Formeln, die dem utilitaristischen Glückseligkeitskalkül
einer Gesellschaft als Fabric of Felicity' geschuldet sind, wie der Philosoph
Jeremy Bentham sie entworfen hatte. Dieser selbst bildet im Kostüm des Zauberers
eine der zentralen Personen des Ensembles.
Alice Creischer, The Greatest Happiness Principle Party, 2001
Der rückwärtige Raum der Installation wurde zur Garderobe umgewidmet.
Die Garderobenszene dieses Raums konterkariert die Party, indem das Personal eine
militante Untersuchung' über den Untergang der Creditanstalt und dessen
Folgen einleitet. Eine Folge dieses Bankrotts sind die Europastrategien des deutschen
Kapitals, deren Finanz- und Entwicklungstechnologie als Vorbild für den Aufbau
und die Gründung des Internationalen Währungsfonds (IWF) diente. Im
aktuellen Bezug der europäischen Südosteuropapolitik verschränken
sich der Rationalisierungsterror der Aufklärung mit dem Terror der Umwandlung
von Existenz in Wert, wie sie die Expansionen der marktwirtschaftlichen Machtapparate
verbreiten.
Alice Creischer, The Greatest Happiness Principle Party, 2001
"The Greatest Happiness Principle Party" zeigt insgesamt sieben lebensgroße
Holzsilhouetten gekleidet in verschiedene Kostüme, sowie Textilien, Zeichnungen
und eine Videoarbeit.
PUBLIKATION
Der Katalog zur Ausstellung wird,
neben einem Interview von Helmut Draxler mit Alice Creischer, auch das von Alice
Creischer zusammengestellte Theaterstück "The Greatest Happiness Principle
Party" enthalten.
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ALICE CREISCHER
The Greatest Happiness Principle Party
32 Seiten, 6 Farbabbildungen, 4 s/w-Abbildungen
Texte und Interview: Alice Creischer, Helmut Draxler
Matthias Herrmann, Andreas Siekmann
Secession 2001, ISBN 3-901926-35-6
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Erhältlich im
Shop
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BIOGRAFIE
Alice Creischer, geboren 1960, lebt und arbeitet in Berlin.
Ausstellungen und Projekte (Auswahl): (2000) "Dinge, die wir nicht verstehen",
Generali Foundation, Wien;
"Gouvernementalität",
Alte Kestner Gesellschaft, Hannover; "Sidewalks", Künstlerhaus
Bremen; (1999) "How is Your Work Going", Galerie Christian Nagel, Köln;
(1998) "Supermarkt", Shedhalle, Zürich, "Mach doch heute Lobby",
Kunstbüro Wien. Alice Creischer arbeitet seit Beginn der 90er Jahre in verschiedenen
Gruppenkontexten, seit 1994 publiziert sie in Zeitschriften wie "springerin",
"Texte zur Kunst" und "ANYP".
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