Mark Wallinger, Ecce Homo, Secession 2000
Als Mark Wallinger im vergangenen Jahr am Londoner Trafalgar Square seine Plastik Ecce Homo aufstellte, das Abbild eines leidenden und von Pontius Pilatus der Menge vorgeführten Christus, sorgte die Arbeit in der Tagespresse wie der Kunstwelt für Aufsehen: Die Figur stellte nicht nur den Platz mit seinen Denkmälern von See- und Kriegshelden als Zentrum britischen Nationalgefühls in Frage, sondern das der Religion entlehnte Thema schien wenig mit der Wallinger immer wieder zugeschriebenen "Englishness" zu tun zu haben. Tatsächlich markiert die Figur den Schnittpunkt einer Vielzahl von Konfliktlinien und entbehrt dabei trotz ihrer Schwere und Melancholie nicht der subversiven Ironie. Im Hauptraum der Secession wird Wallinger eine veränderte Fassung der Figur ausstellen und im Ver Sacrum Zimmer das Video Threshold to the Kingdom zeigen.
Mark Wallinger, Ecce Homo, Secession 2000
Wallinger hatte schon zuvor Arbeiten produziert, die in ähnliche Richtungen
wiesen. Religiöse Themen waren dabei für ihn von Interesse, weil sie
durch die Jahrhunderte mit Bedeutungen geradezu übersättigt wurden und
die Brechung und Verfremdung solcher Interpretationen einen Schwerpunkt seiner
künstlerischen Arbeit bildet. Für eine Videoarbeit hatte Wallinger am
Fuss einer U-Bahn-Rolltreppe inmitten vorübereilender Passanten stehend als
sein alter ego Blind Faith Verse aus dem Buch Exodus rezitiert. Aus Versatzstücken
verschiedener Kontexte entstand so die Figur eines falschen Propheten, der am
falschen Ort einem falschen Publikum aus dem falschen Buch vorlesend notwendig
wirkungslos bleiben muss und erst im Kontext künstlerischer Arbeit eine allerdings
andersartige Rezeption erfährt.
Die Bedeutung solcher Kontextwechsel ist auch bei der Installation des Ecce Homo
in der Secession erkennbar. Wenn die Figur statt im öffentlichen im Kunstraum
ausgestellt wird, ist einerseits die dokumentarische Referenz auf die Figur in
London nicht zu übersehen; andererseits behalten die dort aufgeworfenen Fragen
nach dem Verhältnis zwischen Macht und Ethik, zwischen Individuum und Gesellschaft
und nicht zuletzt zwischen den Eingriffsmöglichkeiten und der Zeitgebundenheit
von Kunst ihre Gültigkeit.
PUBLIKATION
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MARK WALLINGER
44 Seiten, 26 Farbabbildungen, 21 s/w-Fotos
Texte: Michael Bulgakow, Adrian Searle
Secession 2000, ISBN 3-901926-24-0
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erhältlich
im Shop |
Mark Wallinger wurde 1959 geboren und lebt
und arbeitet in London. Ausstellungen (Auswahl): Serpentine Gallery (1995); God,
Anthony Reynolds Gallery, London (1997); 5. Biennale in Istanbul (1997); Wounds,
Moderna Museet, Stockholm (1998); Prometheus, Portikus, Frankfurt (1999); Ecce
Homo, The Fourth Plinth, Trafalgar Square, London (1999); Lost Horizon, Museum
für Gegenwartskunst, Basel (1999); The Sultan's Pool, Jerusalem (1999); Tate
Gallery, Liverpool (2000); Britischer Pavillon, Biennale Venedig (2001)
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Tamara Schwarzmayr
Secession, Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
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