AA Bronson, Felix, June 5, 1994, 1995/1999
Als die kanadische Künstlergruppe General Idea sich Ende der achtziger Jahre
Robert Indianas Gemälde LOVE als Kompositionsmodell aneignete und das alte
four-letter-word durch das neue AIDS ersetzte, brach unter Kritikern ein Streit
nicht nur um die künstlerische Verfahrensweise aus, sondern auch um die befürchtete
Banalisierung des Schreckens. Mittlerweile sind zwei der drei Gruppenmitglieder
den Folgen eben dieser Krankheit erlegen. Als Überlebender muss AA Bronson
seitdem mit dem Verlust einer symbiotischen Produktions- und Lebensstruktur zurechtkommen.
In seiner ersten Einzelausstellung in Europa werden in der Galerie und dem Grafischen
Kabinett der Secession Arbeiten gezeigt, die um Krankheit und Tod seiner Kollegen
und Freunde kreisen.
Methodisch schliesst AA Bronson dabei an Vorgehensweisen von General Idea an:
Mit Vorliebe konfrontierte die seit 1969 bestehende Gruppe die Öffentlichkeit
mit ihren sogenannten Tabuthemen und schliff bis zur Unauffälligkeit abgenutzten
Symbolen neue Facetten der Bedeutung ein: Drei in wechselnden Positionen kopulierende
Pudel demonstrieren homosexuelle Praktiken in veränderter Gestalt, Fetisch-
und Warencharakter der Kunst wurden als Multiple in Form eines Dollarzeichens
aus Acryl synthetisiert; und wenn Mastercard- und Marlboro-Logos auf Leinwand
aus kleinen gefärbten Nudeln gelegt werden, geraten nicht nur die Warenzeichen
in den Sog der Lächerlichkeit, sondern auch die immer wieder neuen Versuche,
die Malerei durch Applikation von Objekten auf den Bildträgern zu revitalisieren.
Integraler Bestandteil ihrer Arbeiten war deren Inszenierung und Vermittlung;
schon 1975 schrieb ein Kritiker: "Stellt sie Euch als Popstars vor, die Medien
statt Gitarren spielen."
Als Felix Partz und Jorge Zontal 1994 starben, war das auch das Ende von General
Idea. Zwar werden einige Editionen der Gruppe bis heute produziert, doch AA Bronson
hat sich entschlossen, seine Arbeit dezidiert als Einzelkünstler fortzusetzen.
Die in der Secession ausgestellten Arbeiten markieren dabei die notwendige Emanzipation
vom Zusammenhang General Idea. In grossen Aufnahmen werden Felix Partz wenige
Stunden nach und Jorge Zontal einige Tage vor ihrem Tod gezeigt; eine mit seinem
eigenen lebensgrossen Bild abgedeckte schwarz lackierte Kiste lässt ahnen,
was AA Bronson mit seinen Freunden starb. Er schreibt: "Since Jorge and Felix
died I have been struggling to find the limits of my own body as an independent
organism, as a being outside of General Idea. Over the last five years I have
found myself, much like a stroke victim, learning again the limits of my nervous
system, how to function without my extended body (no longer three heads, twelve
limbs), how to create possibilities from my reduced physicality."
Obwohl seinen Arbeiten die bei General Idea spürbare bissige Ironie und Unbekümmertheit
fehlt, verfallen sie nicht in Larmoyanz. Weil die Installationen und grossformatigen
Drucke auf LKW-Plane sich durch ihre Materialität dem Intimen und Authentischen
verweigern, sind sie zur Verdrängung durch Mitleid oder Ignoranz gleichermassen
ungeeignet. So beiläufig und eindringlich wie die Plakatwände der Werbung
konfrontieren sie mit der Realität und Präsenz von Krankheit und Tod:
"We need to remember that the diseased, the disabled and, yes, even the dead walk
among us. They are part of our community, our history, our continuity. They are
our co-inhabitants in this dream city."
PUBLIKATION
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AA BRONSON
40 Seiten, 23 s/w-Abbildungen
Texte: AA Bronson, Matthias Herrmann
Secession 2000, ISBN 3-901926-28-3
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erhältlich im
Shop |
Einzelausstellungen: 1301 PE, Los Angeles (1999); Museum of Contemporary Art,
Chicago (2000). Gruppenausstellungen: BrainMultiples, Art Metropole, Toronto (1998);
Dream City, Museum Villa Stuck (1999); La Biennale de Montréal 2000, CIAC,
Montreal (2000).
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