Roman Signer, Ausstellungsansicht (Detail), 1999, Foto: Matthias
Herrmann
Roman Signer, diesjähriger Vertreter des Schweizer Pavillons bei der Biennale,
arbeitet mit einem erweiterten Skulpturbegriff, indem er der klassischen dreidimensionalen
Körper-Raum-Beziehung, die vierte Dimension der Zeit und den daraus resultierenden
Faktor der Bewegung hinzufügt. Seine künstlerische Prägung erfuhr
er in den 60er und 70er Jahren.
Am Beginn seines Schaffens stehen objekthafte Werke, die die bis heute andauernde
Faszination des Künstlers an Naturkräften wie Steinschlag, Wasserkraft
und Explosion visualisieren. Ausgangspunkt der Arbeiten des Schweizer Künstlers
sind präzise ausgewählte Alltagsgegenstände, wie ein Tisch, ein
Stuhl, eine Holzkiste oder ein Fahrrad und in jüngster Zeit auch kleine motorisierte
Fahrzeuge, die mittels bewusstem Einsatz von Energiequellen bewegt, deformiert
oder zerstört werden.
Roman Signers bildhauerisches Thema ist die Zeit. Aus diesem Grund bezeichnet
er seine Aktionen "Zeitskulpturen" und betont damit die Wichtigkeit der zeitlichen
Dimension in seinen Arbeiten. Die Zeit wird zum Werkstoff selbst, welchen er testet,
manipuliert und mit anderen Materialien in Bezug bringt.
"Ich habe vielleicht einen anderen Skulpturbegriff. Der sich allmählich in
meinen Aktionen entwickelt. Ich habe mich dabei immer als Bildhauer verstanden.
Es geht immer um Probleme im Raum, das Geschehen im Raum, Zeitabläufe." (Roman
Signer im Gespräch mit Lutz Tittel, 1984, S. 83) Diesem Anspruch will Roman
Signer Rechnung tragen, in dem er ein Werk in verschiedene Zeitab-schnitte zerlegt
und zugleich zu einer skulpturalen Einheit verknüpft. Drei "Aggregatzustände"
sind durch einen prozessualen Ablauf miteinander verbunden: Die Werkanlage umfasst
die Vorbereitung auf eine Veränderung, der Künstler stellt akribische
Berechnungen auf, die den exakten Verlauf seiner Aktionen vorhersagen. Beim Werkprozess,
dem zweiten Abschnitt, wird durch die Zufuhr von äußeren Kräften
eine Transformation der Ausgangssituation bewirkt. Der dritte Teil zeigt das Ergebnis
der bewusst ausgelösten Aktion. Es sind Relikte und Spuren des zuvor abgelaufenen
Prozesses, wie z.B. die Farbspritzer von explodierten Farbdosen ("Kreis", Konstanz
am Bodensee, 1988) oder die Überreste des in die Luft geflogenen Papierstapels
("Papierwand", Abschlussaktion der documenta 8, Kassel 1987), die diese Phase
bestimmen und die eigentliche Installation darstellen. Die "Ereignisse" selbst,
wie Roman Signer seine Aktionen bevorzugt nennt, finden zumeist unter Ausschluss
der Öffentlichkeit statt, werden jedoch in Form von Foto-, Film- und vor
allem durch Videoaufnahmen von Aleksandra Signer dokumentiert.
Roman Signer, Helikopter mit blauer Spraydose, Skulptur, 1997/99,
Foto: Matthias Herrmann
Unter dem Titel "Installationen" zeigt Roman Signer im Hauptraum der Secession
fünf Arbeiten. Das Werk "Helikopter mit blauer Spraydose", 1997, besteht
aus einem Modellhubschrauber der im Flug über Holzplatten mit der auf ihm
befestigten Sprühdose blaue Wegspuren zeichnet. Bei der Arbeit "Leiter",
1999, schießt der Künstler durch die röhrenförmigen Sprossen
der Alu-Leiter mit einem Revolver, so dass sich im Wandverputz anhand der regelmäßigen
Einschusslöcher die Form der Leiter wiederholt. In der Arbeit "Nachfahrt",
1999, projiziert Roman Signer auf eine Plexiglasscheibe, welche den Laderaum eines
knallgelben Piaggios abschließt, Videoaufnahmen einer 40-minütige Fahrt
des ehe-maligen Postautos von St. Gallen, Roman Signers Wohnort, nach Weissbad
bei Appenzell. Ziel des nächtlichen Ausfluges ist jene Waldstelle, wo bereits
einige Aktionen des Künstlers stattgefunden haben. Schon bei der diesjährigen
Biennale im Schweizer Pavillon kam dieser Dreiradtransporter, allerdings in Blau,
zum Einsatz.
Roman Signer, Nachtfahrt, Videoskulptur, 1999, Foto: Matthias
Herrmann
Ähnlich wie die funktionelle Konstruktion des Piaggios, interessieren Roman
Signer jene Netzrohre, die Christbaumverkäufern zur "Verpackung" der verkauften
Bäume dienen. Er erwarb ein Einnetzgerät und gemeinsam mit 30 Nadelbäumen
stellt er eines unter dem Titel "Tannenbäume" in der Secession aus.
Bei der Arbeit "Fahrrad und Holzbalken", 1997, fährt der Künstler mit
dem Fahrrad gegen einen Block von langen Holzpfeilern, so dass das Rad im Holz
stecken bleibt und sich dessen Negativbild nach durch die Verschiebung des Holzes
abbildet.
Die Videoarbeit "Schusslinie", 1999, präsentiert sich mit zwei Monitoren
gegenübergestellt in Augen-höhe. Auf einem Bildschirm erkennt man den
Künstler, wie er auf einen roten Ballon im anderen Monitor zielt, der schliesslich
zeitgleich mit dem Schuss zerplatzt.
Im Ver Sacrum Zimmer wird während der gesamten Ausstellungszeit eine Videoauswahl
von Roman Signers Aktionen der letzten acht Jahre zu sehen sein.
PUBLIKATION
ROMAN SIGNER 32 Seiten, 7 s/w-Abbildungen, 35 Farbabbildungen
Text: Sabine B. Vogel
Secession 1999
vergriffen
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ROMAN SIGNER wurde 1938 in Appenzell geboren, er lebt und
arbeitet in St. Gallen. Ausstellungen (Auswahl): "Objekte, Konstruktionen", Galerie
Lock, St. Gallen (1973); Kleiner Ausstellungsraum, Künstlerhaus Hamburg (1980);
"Schnelle Veränderungen", Künstlerhaus Stuttgart (1985); documenta 8,
Kassel (1987); steirischer herbst (1993); Raum aktueller Kunst, Wien (1993); "Neue
Arbeiten", Galerie Hauser & Wirth, Zürich (1997); "Alpenblick. Die zeitgenössische
Kunst und das Alpine", Kunsthalle Wien (1997); "Ich war hier - I was here", The
Swiss Institute, New York (1997); Schweizer Pavillion, 48. Biennale Venedig (1999)
Publikationen (Auswahl): Hans-Ulrich Obrist: Roman Signer, Dübendorf; Edition
Bob Gysin (1991); Konrad Bitterli, Lutz Tittel, Roland Wäspe: Roman Signer.
Skulptur St. Gallen; Kunstmuseum (1993); Max Wechsler: Roman Signer. Explosion,
Poschiavo/Luzern, Edition Periferia (1995); Gerhard Mack: Roman Signer, in: Kritisches
Lexikon der Gegenwartskunst, München, No. 30 (1995); Eva Sjuve: Roman Signer.
Zeit und Raum in Signers Skulptur, Lund University (1999); Konrad Bitterli: Ereignis
Skulptur, Roman Signer, 48. Biennale Venedig (1999)