Ann-Sofi Sidén, Eva in Tigerdress, 1999, Photo: Ann-Sofi
Sidén
Die Filme und Installationen der in Schweden geborenen Ann-Sofi Sidén
drehen sich um den Punkt, an dem sich Vernunft in ihr Gegenteil verkehrt und zum
Wahnsinn mit Methode wird. Ihre neuen Arbeiten in der Secession untersuchen einen
Teil Europas, der in gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht noch immer im
Begriff ist, die Herrschaft des Kommunismus und die Nachwirkungen des Zweiten
Weltkriegs zu überwinden.
Konfrontiert mit Demokratie und Kapitalismus - was auch immer diese Begriffe im
Hinblick auf Geldmachen und Aufholen bedeuten mögen - steht eine Gesellschaft
als Ganzes vor einer Kluft, in der sich die Halbwelt breitmacht: mit Frauen wird
gehandelt, sie werden als Prostituierte verkauft, eine Invasion von Zuhältern,
Nutten und anonymen West-Autos erfasst die Städte an der Grenze. Die Gier
nach Geld ist dort so groß, dass alles zum Verkauf angeboten wird: Autoteile,
Drogen, Gartenzwerge und Frauen.
Ann-Sofi Sidén geht es in ihren Arbeiten um die Absurdität des Normalen
und Alltäglichen im sozialen Kontext, sie beschäftigt sich oft mit der
menschlichen Psyche und ihren Versuchen, einander widersprechende Forderungen
von Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnissen zu bewältigen.
Als aufmerksame Beobachterin des Individuums weiß Sidén aber sehr
genau über innere Grenzen Bescheid und lotet somit auch jene des Betrachters
aus. Was dieser zu sehen und zu hören bekommt, kann ihn leicht auf sein eigenes
Leben und die inneren Paradoxa zurückwerfen, die sich im Alltag manifestieren.
Unter dem Titel "Warte mal !" zeigt Ann-Sofi Sidén in der Secession eine
neue Videoarbeit, die sich mit Prostitution, dem ältesten Gewerbe der Welt,
auseinandersetzt. Die Künstlerin bereiste im Zeitraum von einem halben Jahr
Tschechien und recherchierte zu diesem Thema im Grenzgebiet zu Deutschland. Der
Titel "Warte mal !" bezieht sich auf jene Mädchen, die jede Nacht mit diesen
Worten Freier anzulocken versuchen. Damit könnte aber auch eine Aufforderung
zum Bilanzziehen gemeint sein: Wie sah es hier im Osten 1989 aus und wie heute,
zehn Jahre danach?
Die Künstlerin untersucht die Möglichkeit einer "Walk-in-Dokumentation"
und vermittelt dem Betrachter ihre Erfahrungen durch Videoprojektionen in Form
von "visuellen Umgebungen". In Verbindung mit den Interviews zeigt die Installation
die Zustände an einer zum "erweiterten Rotlichtbezirk" gewordenen Transitstrecke
durch ein kleines osteuropäisches Land und dessen Kleinstädte. Das Material
wurde im Rahmen von Recherchen für einen in Planung befindlichen Film gesammelt
und zeigt die vielen Aspekte der Prostitution und die Erfahrungen, die die Künstlerin
bei der Autofahrt durch das Land machte. Unterwegs macht sie Bekanntschaft mit
der Polizei, deutschen Freiern, einem Motelbesitzer und dessen Frau, den Prostituierten
und nächtlichen Parties mit ihrer Dolmetscherin und einer Gruppe junger Mädchen.
PUBLIKATION
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ANN-SOFI
SIDÉN
32 Seiten, 3 s/w-Abbildungen, 33 Farbabbildungen
Text: Erik van der Heeg, Matthias Herrmann, Ann-Sofi Sidén
Secession 1999, ISBN 3-901926-18-6
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Erhältlich im
Shop
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ANN-SOFI SIDÉN wurde 1962 in Stockholm geboren; sie
lebt und arbeitet in New York und Stockholm. Ausstellungen (Auswahl): "P.S. 1.
Studio Artists 194", P.S. 1, New York (1994); "Who Has Enlarged This Hole", 53
West 9th Street, New York (1994); "See What it Feels Like", Rooseum, Malmö;
Galerie Nordenhake, Stockholm (1995); "Around Us, Inside Us", Borås Konstmuseum
(1997); "Zonen der Verstörung", Steirischer Herbst (1997); Biennale de São
Paolo (1998); "Nuit Blance", Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris (1998);
"Apertutto", Biennale von Venedig (1999).
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