Johanna Kandl, Secession 1999. Fotos: Matthias Herrmann, Helmut
Kandl
Mit Festreden und Symposien wird gegenwärtig gefeiert, dass und wie vor zehn
Jahren der Zerfall des Ostblocks begann und die Grenzen niedergelegt wurden. Die
Euphorie der Erinnerung spart aus, dass die Grenzen zwischen Ost und West nicht
durchlässiger geworden sind; geändert hat sich allenfalls, dass sie
heute vor allem auf der westlichen Seite bewacht werden, um illegalisierte Einwanderer
abzuhalten. Der Osten ist damit jenseits weltpolitischer Ereignisse zumeist terra
incognita geblieben; der Tourismus des Westens berührt nur wenige ausgewählte
Orte.
Zu den seltenen Grenzgängern zählt die Künstlerin Johanna Kandl.
Künstlerische und kuratorische Projekte und Recherchen haben sie und ihren
Mann und Kollegen Helmut Kandl in den vergangenen Jahren unter anderem nach Rumänien,
Georgien, Russland und in die Ukraine geführt. Während der Reisen aufgenommene
Fotografien dienten der Malerin später als Material für ihre Bilder,
wobei ihre Aufmerksamkeit dem Beiläufigen und scheinbar Nebensächlichen
gilt, in dem die Ereignisse welt-politischer Relevanz reflektiert und gebrochen
werden.
Die entlang der Wände des Hauptraumes gehängten Bilder zeigen vor allem
Straßenmärkte. Diesen Szenen hat Johanna Kandl Zitate aus den Wirtschaftsteilen
von Tages- und Wochenzeitungen hinzugefügt und schafft dadurch Spannungsverhältnisse,
die einerseits die flotten Slogans der Finanzmanager fragwürdig werden lassen
und andererseits Verbindungen zwischen den Alltagen der verschiedenen Wirtschaftsräume
und sozialen Wirklichkeiten herstellen. Diesen Bildern sind porträthafte
Gemälde zur Seite gestellt, die für die Künstlerin angenehm verunsichernde
Situationen wiedergeben. Den intimeren Sujets entsprechend werden diese Stücke
in frei im Raum stehenden Kojen gezeigt, die den Besuchern eine halbprivate Nähe
gestatten.
Im Malen als künstlerischem Handwerk sieht Johanna Kandl einen Prozess der
Verlangsamung, eine Intensivierung der Erinnerung durch Verzögerung. Die
Übertragung der Fotografien in die Malerei führt dabei zu einer Transformation
der Sujets: die schnappschussartigen Bildausschnitte bekommen ein unerwartetes
Gewicht nicht zuletzt dadurch, dass sich die Künstlerin einem Fotorealismus
gegen über verweigert. Sie spricht dagegen im Zusammenhang mit den in den
Bildern inserierten Zeilen von Hyperrealismus, bei dem das Bildliche seine notwendige
Ergänzung durch Schrift erfährt. Johanna Kandl gelingt damit eine behutsame
Aktualisierung der halb vergessenen Genremalerei. Sie bedient sich dieser Gattung,
um sich durch ihre individuelle Sichtweise gesellschaftlichen, politischen und
ökonomischen Themenfeldern zu nähern. Dieser sentimentale Zugang ist
sowohl Erweiterung und Kontrapunkt der medialen Berichterstattung wie auch Resultat
ihres persönlichen Umgangs mit ihren Erlebnissen - eine Dualität, die
in der Arbeit von Johanna Kandl oft auftaucht und keine Lösungen anbietet,
sondern auf Probleme hinweist und vereinfachenden Slogans komplexe Wirklichkeiten
gegenüberstellt.
Die sich daraus ergebende Spannung zwischen dem öffentlichen und dem Privatleben
findet ihre Entsprechung in der von der Künstlerin entworfenen Ausstellungsarchitektur,
bei der die relativ isolierten Kojen dem großen Raum und den hohen Wandflächen
gegenüberstehen. Nachhaltiger interveniert die Künstlerin, indem sie
den Hauptraum der Secession als quasi öffentlichen Ort durch eine Wand der
Länge nach in zwei gleich große Hälften teilen lässt, die
jeweils nur vom Foyer her zugänglich sind - deutlicher Hinweis auf die konzeptuelle
Arbeitsweise der Künstlerin, die eine Rezeption ihrer Arbeiten als bloße
Gemälde ausschließt, sondern deren Spiel mit den Ähnlichkeiten
im Großen und den ihr so wichtigen Unterschieden im Detail fortsetzt.
PUBLIKATION
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JOHANNA
KANDL
56 Seiten, 31 s/w-Abbildungen, 70 Farbabbildungen
Texte: Hans-Christian Dany, Matthias Herrmann, Andreas Spiegl
vergriffen
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JOHANNA KANDL wurde 1954 in Wien geboren; sie wurde zunächst
durch ihre Malerei bekannt. Aus ihrer Beschäftigung mit öffentlichen
Räumen entstanden seit Ende der achtziger Jahre Interventionen, Researches
und kooperative Projekte z.B. mit Beschäftigten eines metallverarbeitenden
Betriebes. Ausstellungen (Auswahl): Akademie der Bildenden Künste, Belgrad
(1981); Galerie Knoll, Wien (1987, 1988, 1991, 1994, 1998); "Arbeitszeit", Wiener
Staatsoper (1994); "Der Kreis ist noch lange nicht geschlossen", Burgtor, Heldenplatz,
Wien (1995); "Geschlossene Gesellschaft", Salzburger Kunstverein (1996); Center
for Contemporary Art, Vilnius (1997).
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