Das Ausstellungsprogramm 1999 ist von der Auseinandersetzung mit der Gegenwart
und den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Kunst, Gesellschaft und
Politik gekennzeichnet. Als häufig wiederkehrende Thematik der verschiedenen
Ausstellungsprojekte läßt sich die Frage nach und die Forderung von
Relevanz für behauptete gesellschaftliche Wirklichkeit und Zustände
beschreiben. Gemäß den Statuten von 1897 und der Programmatik der Gründungsmitglieder
"Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit" wird das Ausstellungsprogramm der
Secession von der gleichnamigen Künstlervereinigung auf demokratischer Basis
durch den Vorstand bestimmt, der sich derzeit aus folgenden KünstlerInnen
zusammensetzt: Matthias Herrmann (Präsident), Brigitte Kowanz, Constanze
Ruhm, Manfred Erjautz, Johanna Kandl, Martin Walde, Heimo Zobernig, Matta Wagnest,
Anna Meyer, Willi Kopf, Stefan Sandner. Grundliegendes Anliegen der Künstlervereinigung
Secession in der Wahl der Ausstellungsprojekte ist die Präsentation aktueller
internationaler Entwicklungen und Standpunkte zeitgenössischer Kunst sowie
die Bereitschaft zum Experiment. Insgesamt finden 1999 in den Räumlichkeiten
der Secession (Hauptraum, Galerie, Graphisches Kabinett) 15 Ausstellungen statt.
Zu allen Ausstellungen erscheint ein Katalog.
RENÉE GREEN
10. 2. - 11. 4. 1999
Renée Green, Transfer/Übertragen,1996.
Galerie Christian Nagel, Köln. Foto: Andrea Stappert
Renée Green's Arbeiten gehören zu den beständigsten und konsequentesten
Versuchen, das traditionelle Terrain der Kunst zu untersuchen, zu erweitern und
künstlerische Produktion als eine Strategie einzusetzen, um den Sinn und
die Art unserer Existenz in Frage zu stellen. Im Gegensatz zu vielen anderen KünstlerInnen
ihrer Generation weicht sie jedoch von der üblichen Praxis einer simplen
Transfiguration von Inhalten (Soziologie als Kunst usw.) ab, indem sie in ihre
Videos, Installationen, Skulpturen und Texte viele Modelle für ein differenzierendes
Wissen einbringt und dann auf die Spannungen zwischen diesen Modellen und ihrem
relativen Status anspielt. Ironie, Humor und Ernsthaftigkeit begleiten die Arbeiten,
die aus einem komplexen Netz von Assoziationen entstehen, welche um Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunftsvorstellung kreisen.
Renée Green wurde in Cleveland, Ohio, geboren und lebt in New York und
Wien.
PIERRE HUYGHE
28. 4. - 13. 6. 1999
Snow White Lucie, 1998, S-16mm
In seinen filmischen Arbeiten beschäftigt sich Pierre Huyghe (geboren 1962
in Paris) mit den imaginativen Qualitäten des Films und dessen Verhältnis
zur Wahrnehmung der Realität. Pierre Huyghe setzt sich mit den künstlerischen
und subjektiven Erfahrungen, die aus den Kinofilmen zu gewinnen sind, auseinander
und transferiert sie in einem Alltagskontext. So nimmt er Filme wie unter anderem
"Rear Window" von Alfred Hitchcock oder Disney's "Snow White"
als Ausgangspunkt für seine konstruierten Arbeiten und thematisiert dabei
Fragen wie: Was wäre, wenn sich jede Person als Schauspieler seines/ihres
Lebens begreifen könnte? Was wäre, könnten wir den realen Ereignissen
und Situationen wie Filmsettings begegnen und die Realität als Film begreifen?…".
BARBARA HOLUB
28. 4. - 13. 6. 1999
Barbara Holub, Mit vorgehaltener Hand, 1999
Ausgehend von den unterschiedlichen Blickpunkten der Erwachsenen- und Kindwahrnehmung
untersucht das Ausstellungsprojekt von Barbara Holub die Sehnsucht (des Erwachsenen)
nach der Unschuld des Kindes.
Barbara Holub, geboren 1959 in Stuttgart, beschäftigt sich in ihren Arbeiten
mit anthropologischen Fragen, die die Öffentlichkeit und Kommunikation wesentlich
mitbestimmen.
OCTAVIAN TRAUTTMANSDORFF
28.4. - 13.6.1999
Octavian Trauttmansdorff, 27,9%
Jede Kunstrichtung noch einmal zu verschieben und in jedes Kunstkonzept spielerisch
einen Widerspruch einzubauen, mit solchen Strategien nimmt Octavian Trauttmansdorff
(geboren 1965 in Wien) eine wichtige Position innerhalb seiner Generation ein.
Mit seinen Arbeiten bezieht er sich sowohl auf die institutionskritische, medienorientierte
Installationskunst der 90er Jahre als auch auf die österreichische Tradition
eines Franz West oder Heimo Zobernig, die er als zusätzliche künstlerische
Subversion einsetzt.
GREG LYNN / FABIAN MARCACCIO
30. 6. - 8. 8. 1999
Greg Lynn/Fabian Marcaccio, Secession, 1999
Das Gemeinschaftsprojekt von Greg Lynn und Fabian Marcaccio versteht sich als
eine Neudefinition von Architektur und bildender Kunst. Vergleichbar der Zusammenarbeit
von Richard Meier und Donald Judd, deren Arbeiten durch die Zusammenführung
von Skulptur und Architekur einen "idealen" Raum kreieren, entwickeln der Architekt
Greg Lynn und der Maler Fabian Marcaccio eine alternative Form der Raumbesetzung,
indem sie verschiedene Bereiche wie jene der Ikonografie und Topografie zu einer
städtischen Situation verschmelzen. Das Projekt in der Secession, das alle
diese Territorien durchläuft, ermöglicht einen komplexen, sozialen und
interdisziplinären Austausch zwischen diesen Bereichen.
Greg Lynn, geboren 1964 in Vermilion, Ohio, und Fabian Marcaccio, geboren 1963
in Rosario de Santa Fe, Argentinien, leben in New York.
GITTE VILLESEN
30. 6. - 8. 8. 1999
Gitte Villesen, Ingeborg the Busker Queen
In einfachen und unprätentiösen Bildern erzählt Gitte Villesen
in ihren Videoarbeiten vom Alltag und den persönlichen und sozialen Bedingtheiten
einzelner Personen aus ihrem Bekanntenkreis. Die Videoarbeiten verletzen dabei
niemals die persönliche Integrität und Würde der Porträtierten.
Vielmehr dokumentieren sie die Ausstrahlung von Personen, die den Gesetzmäßigkeiten
alltäglicher Erfordernisse und routinierter Verrichtungen einen Freiraum
abzuringen vermögen, indem sie ihre Freude am Spielerischen und ihrer Phantasie
ausleben. Die Videoaufnahmen entstanden in ihrem Heimatort und in Kopenhagen,
wo Gitte Villesen lebt und arbeitet. Es sind immer Bekannte, wie Willi oder Ingeborg,
die Gitte Villesen auf zurückhaltende und einfühlsame Weise porträtiert
hat, und deren Betrachtungen über das Leben, über persönliche Erinnnerungen
und Empfindungen zum Thema der Videoarbeiten wurde. Gitte Villesen wurde 1965
in Ansager, Dänemark, geboren.
LUCY ORTA
23. 6. - 1. 8. 1999
Lucy Orta, Nexus Architecture, Uyuni Salt
Desert, Bolivia, 1997
Die Projekte und Interventionen von Lucy Orta provozieren Fragen nach einer Verortung
von Kunst. Wie lassen sich künstlerische und soziale Reflexionen rechtfertigen,
deren Findungen ohne Konsequenz für die Gesellschaft bleiben? Lucy Ortas
Arbeiten konstatieren Defizite und Dissonanzen sozialer Realität, ohne umfassende
Lösungen und einfache Antworten dafür anzubieten. Der kontextuelle Rahmen
ihrer Projekte verläßt dabei nie vollständig das Feld der Kunst
und evoziert damit die Forderung nach Relevanz und Verantwortung künstlerischer
Produktion. Lucy Orta, geboren 1966, lebt und arbeitet in Paris.
STEVEN BROWER, URS FREI, KENDELL GEERS, ANNIKA STRÖM
Ausstellung initiiert von Martin Walde
20. 8. - 26. 9. 1999
Daß KünstlerInnen von KünstlerInnen eingeladen werden, ist ein
Spezifikum, das die Secession von anderen internationalen Ausstellungshäusern
zeitgenössischer Kunst unterscheidet. Diese Praxis ist auch die Ausgangsbasis
des Ausstellungsprojektes, das von Martin Walde initiiert und zusammengestellt
wurde. Ausgehend von der üblichen kuratorischen Praxis der Secession, verschiedene
künstlerische Positionen gleichzeitig und getrennt nach Räumlichkeiten
zu präsentieren, werden bei diesem Ausstellungsprojekt den KünstlerInnen
keine Ausstellungsräume vorbestimmt zugeteilt. Es bleibt vielmehr ihnen selbst
überlassen, die Ausstellungsräume und den Umraum der Secession zu organisieren
und untereinander einen kritischen Dialog zu beginnen - unabhängig von jeglicher
kuratorischen und institutionellen Einflußnahme. Das Projekt versteht sich
weder als kuratierte Ausstellung, noch entspringt es spezifischen thematischen
Ambitionen. Es will lediglich die angesprochenen institutionellen Spielregeln
für einen kurzen Zeitraum außer Kraft setzen.
STEVEN BROWER
20. 8. - 26. 9. 1999
Steven Brower, Utility, 1999
Steven Browers Objekte sind architektonische Skulpturen mit eigenen Gesetzmäßigkeiten.
Sie behaupten Eigenständigkeit und machen mitunter dennoch von der vorgefundenen
Infrastruktur des Ausstellungsortes Gebrauch, indem sie diese in miniaturhafter
Ausführung nachbilden, sie aber gleichzeitig häufig durch gezielte Veränderungen
und Abweichungen vom Original ad-absurdum führen. Steven Browers Objekte
kreieren damit unter dem direkten Verweis auf den Ausstellungsort eine neue Entität,
die den Ausstellungsort als wesentliches Kriterium der künstlerischen Intervention
miteinbezieht.
Steven Brower, geboren 1969, lebt und arbeitet in New York City.
URS FREI
20. 8. - 26. 9. 1999
Urs Frei in San Staë
Aus Verpackungsmüll von unbrauchbar gewordenen Handelsprodukten, wie Tragtaschen,
Holz- oder Kunststoffkisten, Bretter, Kartons und anderen alltäglichen Dingen
schafft Urs Frei hybride Objekte. Sie zeugen von Anhäufung, Zusammenschnürung,
Zerstreuung, von spielerischer Mobilität und formbewußter Konstruktion.
Bunt bis verhalten monochrom bemalt, bündeln sie sich sanftmütig oder
sperrig zu körperhaften Gebilden an der Wand, legen sich auf den Boden und
hängen von der Decke als amorphe Wendungen. In ihrer Abstraktion und Willkürlichkeit
kommentieren sie nicht nur das Kalkül der Absicht und der Kontrolle, sondern
auch die Ironie rationaler Kunstproduktion.
Urs Frei wurde 1958 geboren, lebt und arbeitet in Zürich.
KENDELL GEERS
20. 8. - 26. 9. 1999
Kendell Geers, Mandela Mask, 1996
Kendell Geers, geboren 1968, setzt sich in seinen Arbeiten der letzten Jahre mit
der Frage nach dem Verhältnis zwischen Ethik und Ästhetik auseinander.
Er agiert dabei häufig mit alltäglichen Bildern und Gegenständen
urbaner Realität, die er radikal transformiert und dem ursprünglichen
Kontext vollständig entfremdet. Seine Arbeiten lassen sich als provokative
Formulierungen einer Kritik an institutionalisierter Kunst lesen und fordern als
solche zu einer neuen Auseinandersetzung mit Kunst auf.
Kendell Geers lebt und arbeitet in Johannesburg, Südafrika.
ANNIKA STRÖM
20. 8. - 26. 9. 1999
Annika Ström, fern skäl (five reasons),
video, 33 seconds, 1999
Annika Ström, geboren 1964 in Helsingborg, Schweden, untersucht auf subtile
und humoristische Weise ihre Position als Künstlerin. Darauf verweisen auch
die Titel ihrer Videoprojektionen und -installationen wie "Artist Film" (1996),
"The Artist Live" (1997) oder "Grant" (1998-99). Seit 1998 produziert sie Liederreihen
(Songs), kleine Geschichten über den Künstlermythos.
Die Präsentation der Videoarbeit "The First Song of Seven" (1998) verbindet
Annika Ström mit einer Live Performance, bei der die personifizierte Hauptdarstellerin
synchron dem Publikum den Song vorträgt. Wie in vielen anderen Arbeiten,
hinterfrägt Annika Ström mit dieser Arbeit die visuelle Präsentation
von Kunst und die Rolle des Rezipientens bei der Entstehung einer künstlerischen
Arbeit im zeitgenössischen Medium.
ROMAN SIGNER
7. 10. - 18. 11. 1999
Roman Signer, Helicopter, 1999, Foto: Niklaus
Stauss
Die Arbeit des 1938 in Appenzell geborenen Roman Signer ist ihrem Verfahren, mit
Raum und Zeit, mit Dematerialisierung und Prozeßhaftigkeit zu experimentieren,
durch aktuelles plastisches Denken und existentielle Erfahrung gekennzeichnet.
Ausgehend vom prozeßhaften Skulpturbegriff der sechziger und siebziger Jahre,
versteht Roman Signer die von ihm inszenierten Ereignisse als Relikte einer Transformation.
Die Objekte, Installationen, Filme und Fotografien arbeiten mit dem Bewußtsein
der Differenz zwischen konkret Wahrnehmbarem und dem Entzug bzw. Verlust dieser
Wahrnehmung, zwischen Anschaulichem und Gedanklichem. Sie verweisen auf die Transformation
von physischen Energien als Resultat eines prozeßhaften Ereignisses. Wasser,
Feuer und Luft sind dabei oft die Ausgangsstoffe, an denen sich plastische Vorgänge
wie Verbrennen, Zerrinnen, Explodieren und andere Veränderungen von Aggregatzuständen,
exemplarisch darstellen.
UDO WID
7. 10. - 18. 11. 1999
Udo Wid, Are there personal-specific parameters
in the EEG?, 1994, Foto: Hans Wimmer
Seit den siebziger Jahren arbeitet Udo Wid als "Ein-Mann-Institut", das gleichermaßen
Anspruch auf Zugehörigkeit zum Bereich der Wissenschaft als auch zu jenem
der Kunst behauptet. Seine neurophysiologischen Untersuchungen beziehen ihre Ergebnisse
aus dem unkonventionellen Zusammenschluß eines elitären, auf wissenschaftlichen
Forschungen beruhenden Erkenntnisgewinnes mit freien künstlerischen Experimenten.
Die Untersuchungen fördern mitunter überraschende, wissenschaftliche
Ergebnisse zutage und erweisen sich dabei oft gleichzeitig als neue ästhetische
Bildfindungen. Udo Wid wurde 1944 in Wien geboren.
JOHANNA KANDL
3. 12. 1999 - 16. 1. 2000
Johanna Kandl, o.t. 30x40, Temp/Holz, 1998
Johanna Kandls Projekte verknüpfen unterschiedlichste Wirklichkeitsebenen
und bearbeiten auf diese Weise die Beziehungen zwischen Kunst, Gesellschaft und
Politik. Johanna Kandl thematisiert dabei in erster Linie nicht den Kontext ihrer
künstlerischer Praxis, sondern vielmehr die Wahrnehmung der Realität
durch die Kunst, sie sieht ihre Arbeit als Recherche und Analyse. Bild und Sprache
werden nebeneinander gestellt, Realismus entsteht in der Spannung zwischen Bild
und Text. Die selbst erlebten Szenarien erzählen von verschiedenen Lebensrealitäten,
von der Differenz zwischen dem eigenen Leben und gesellschaftlichen Erwartungen,
von der Sehnsucht nach Glück. Seit 1997 widmet sich Johanna Kandl wieder
verstärkt der Malerei, die im Zusammenhang mit ihren Recherchen, Reisen und
kooperativen Projekten entsteht. Johanna Kandl wurde 1954 geboren und lebt in
Wien.
ANN-SOFI SIDÉN
3. 12. - 16. 1. 2000
Ann-Sofi Sidén, Who told the chamber
maid? 1998
Verletzbarkeit und Entlarvung, Kontrolle oder Überwachung sind wiederkehrende
Themen in den Arbeiten der schwedischen Künstlerin Ann-Sofi Sidén.
Mit der Archivierung hinterlassener Spuren einer geisteskranken Psychiaterin,
die sie später in Installationen für Ausstellungen wie in New York,
Stockholm oder Graz präsentiert, oder mit öffentlichen Auftritten in
der mystischen Gestalt der "QM", der "Queen of Mud", bezeugt
die Künstlerin ihr vordergründiges Interesse an der menschlichen Psyche.
Ann-Sofi Sidén wurde 1962 in Stockholm, Schweden geboren und lebt in New
York.
STÄNDIGE PRÄSENTATION
Gustav Klimt: DER BEETHOVENFRIES
Für weitere Informationen, Presse- und Fotomaterial wenden Sie sich bitte
an:
Pia Leydolt
Secession, Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Tel: +43-1-5875307-10, Fax: +43-1-5875307-34
presse@secession.at